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Von Ur- und anderen Knällen


Pseudowissenschaft, 10.10.2006
Der Urknall ist wohl die meistmissverstandene wissenschaftliche Theorie. Kein Wunder also, finden sich hier und da prominente "Urknallgegner", die dieser Theorie den Kampf angesagt haben. Eine Analyse der Argumente.


Eine Supernovaexplosion in einer nahen GalaxieIn der Zeit vor 1929, also bevor der amerikanische Astronom Edwin Hubble (nach dem das Hubble-Weltraumteleskop benannt ist) die Galaxienflucht entdeckte, dachten die meisten Astronomen, das Universum sei unendlich alt und unendlich gross. Einstein fand damals heraus, dass ein solches Universum in sich selbst kollabieren müsste, und fügte deshalb eine "Kosmologische Konstante" in seine Gleichung ein, die dies verhindern soll - später, nach der Entdeckung der Galaxienflucht, bezeichnete er dies als seine "grösste Eselei".

Der belgische Priester und Astronom Georges Lemaitre entwickelte in den Jahren um 1930 eine erste Version der Urknall-Theorie: Dies geschah damals in der Absicht, wissenschaftliche Beobachtung und biblische Schöpfung in Einklang zu bringen. In einem unendlich grossen und unendlich alten Universum, so die Überlegung, hat Gott keinen Platz - also musste er über einen Urknall wieder Einzug in das Weltbild finden (so ähnlich versuchen heute die Kreationisten, ihre biblischen Vorstellungen in der Schule lehren zu lassen - allerdings, im Unterschied zur Theorie Lemaitres, handelt es sich dabei um nachweislich falsche Behauptungen).

Flüchtende Galaxien


In den Jahren nach 1930 wurde zum ersten Mal die sogenannte "Galaxienflucht" entdeckt. Es gibt viele Milliarden Galaxien im beobachtbaren Universum, unsere Milchstrasse mit ihren gut 200 Milliarden Sternen (darunter die Sonne) ist nur eine von ihnen. Beobachtet man nun ferne Galaxien, so zeigt sich, dass sie von der Erde zu fliehen scheinen - egal, in welche Richtung man auch blickt. Diese Geschwindigkeit dieser Fluchtbewegung wird als "Hubble-Konstante" bezeichnet und beträgt rund 71 Kilometer pro Sekunde und Megaparsec, wobei ein Megaparsec rund 3.26 Millionen Lichtjahren entspricht. Wie lässt sich denn nun die Geschwindigkeit von so gigantischen Objekten wie Galaxien messen? Hier liegen auch schon die ersten Fehlüberlegungen der meisten "Urknallgegner" begraben.

Licht kann als elektromagnetische Welle aufgefasst werden. Das "elektromagnetische Spektrum" enthält alle denkbaren Wellenlängen, von sehr kurzen, energiereichen Wellen wie Röntgen- und Gammastrahlen, über UV-Strahlen und dem sichtbaren Licht (dabei hat das blaue Licht am meisten, das rote am wenigsten Energie) bis zu den Infrarotstrahlen und Mikrowellen bis zu den extrem langwelligen Radiowellen.

Bewegt sich eine Lichtquelle auf einen Beobachter zu, so werden die Wellen in Bewegungsrichtung "gestaucht", also in Richtung höhere Energie verschoben (man spricht von "Blauverschiebung", weil im sichtbaren Licht eine Verschiebung in Richtung höhere Energie einem etwas blaueren Licht entspricht). Bewegt sich eine Lichtquelle von einem Beobachter weg, so werden die Wellen entgegen der Bewegungsrichtung (also auf den Beobachter zu) gedehnt, also in Richtung tiefere Energie verschoben, und man spricht von "Rotverschiebung". Das Ausmass der Rot- oder Blauverschiebung gibt also die relative Geschwindigkeit der Lichtquelle zum Beobachter an (so funktionieren übrigens Laser-Geschwindigkeitsmessgeräte, die bei Verkehrskontrollen eingesetzt werden). Ein ähnliches Phänomen kann beim Signalhorn eines vorbei fahrenden Krankenwagens beobachtet werden: so lange sich der Krankenwagen nähert, wird der Ton höher (energiereicher), sobald er sich wieder entfernt, wir der Ton wieder tiefer (energieärmer).

Bei allen Galaxien (ausser den allernächsten, bei denen ihre lokale Bewegung überwiegt) beobachtet man nun eine Rotverschiebung, also eine "Fluchtbewegung" von uns fort, und zwar umso schneller, je weiter die Galaxien von uns entfernt sind.

Das wird so interpretiert: Wir können natürlich nicht davon ausgehen, dass ausgerechnet unsere kleine Erde im Zentrum der Fluchtbewegung des Universums steht. Vielmehr dehnt sich der gesamte Raum aus: dadurch entfernen sich alle Galaxien voneinander. Vorstellen kann man sich das folgendermassen: Auf einem Ballon (dessen Oberfläche unserem Universum entspricht) sind die Galaxien wie kleine Punkte aufgemalt. Durch das Aufblasen des Ballons entfernen sich die Punkte voneinander, ohne, dass sie sich gross bewegen müssen. Jeder beliebige Punkt auf der Ballonoberfläche kann ausgewählt werden: immer sieht es so aus, als würden sich alle Galaxien exakt von diesem Punkt entfernen.

Der BallonWenn eine Expansion da ist, der Ballon sich aufbläht, dann war er bzw. das Universum in der Vergangenheit einmal kleiner: Deshalb wurde durch die Beobachtung der Galaxienflucht das unendlich alte und unendlich grosse Universum nun plötzlich unmöglich. Es gab einen Rettungsversuch: Das sogenannte Steady-State-Universum (unendlich gross und alt) sollte sich zwar ständig aufblähen, doch im Schnitt sollte immer so viel Materie neu entstehen, dass die mittlere Materiedichte gleich blieb (allerdings wurde eine solche "Materieproduktion" noch nie irgendwo beobachtet...). Daher blieb die Astronomengemeinde gespalten: die einen gingen nun von einem Urknall aus, die anderen favorisierten weiterhin Steady-State.

Müdes Licht?


"Könnte man die Rotverschiebung denn nicht auch anders erklären?" fragten die Urknallgegner und brachten die Idee vom "müden Licht" ein. Das Licht, das während Milliarden von Jahren durch das Universum unterwegs war, unzählige Male reflektiert oder durch Gravitationsfelder abgelenkt worden war, musste doch irgendwann einen Teil seiner Energie verlieren. Dieser Effekt würde natürlich umso wichtiger, je weiter das Licht unterwegs war: kein Wunder also, dass von den entferntesten Galaxien das energieärmste Licht ausgeht: das Licht ist hier einfach am stärksten ermüdet! So, sagten (und sagen immer noch) die Kritiker: Galaxienflucht aus dem Weg geräumt. Doch so einfach ist es nicht.

Zum einen kann der Effekt des Energieverlustes durch Gravitationsfelder berechnet werden: er fällt gegenüber der beobachteten Rotverschiebung insgesamt sehr gering aus. Zudem beobachtet man folgendes: Supernovaexplosionen (Explosionen von massiven Sternen) in weit entfernten Galaxien dauern länger als erwartet. Bei einer Dehnung des Lichtes durch eine Fluchtbewegung würde man eine solche Dehnung der Dauer einer Explosion erwarten - nicht aber bei einer Ermüdung des Lichtes. Tatsächlich passt die zeitliche Dehnung der Supernova-Explosion durch die Fluchtbewegung exakt auf die jeweilige Rotverschiebung der Galaxie, in der sie sich ereignet, wenn man den Effekt des Energieverlustes durch das Gravitationsfeld der Galaxie heraus rechnet.

Was der Urknall ist - und was nicht


Der Urknall ist keine Explosion, wie der Name (im englischen "Big Bang") nahe legt. Urknallgegner stehen oft unter dem Eindruck, die Galaxienflucht (sofern sie sie akzeptieren) sei durch ein "Wegschleudern" der Trümmer der "Urknall-Explosion" zu erklären. Das ist jedoch falsch: die Bewegungen der Galaxien erklären sich einzig und allein aus der Expansion des Raums zwischen ihnen. Eine dreidimensionale Bewegung durch den Raum hätten wir längst identifiziert. Warum das so ist, kann man sich verdeutlichen, in dem man gedanklich mit einem Trümmerstück aus einer Explosion mitreist: Die Trümmer neben einem bewegen sich praktisch nicht - diejenigen in Richtung der Explosion bewegen sich nur langsam auseinander, diejenigen in Gegenrichtung (also von der Explosion weg) stieben schnell auseinander. Allein aus dieser Beobachtung könnte man auf die Position des "Explosionszentrums" schliessen. Beim Universum ist das nicht der Fall: Alle Galaxien, in allen Richtungen, fliehen gleichmässig und gleichartig. Es gibt keine Unterschiede, die auf eine grosse, gerichtete Bewegung von einem Punkt weg hindeuten würden.

Beim Urknall entstanden Raum und Zeit, wie wir sie kennen. Wir können unmöglich sagen, ob es schon etwas davor gab, einfach weil aus dieser Zeit keinerlei Informationen über den Urknall hinaus gelangten. Möglich, dass es zuvor ein anderes Universum gab. Möglich, dass es gar nichts gab, möglich, dass es etwas ganz anderes gab. Niemand behauptet, beim Urknall sei das Universum wirklich "aus dem Nichts" entstanden.

Im Augenblick des Urknalls war das Universum "randvoll" gefüllt mit Materie: erst etwa 397000 Jahre später war diese Materie so stark verdünnt, dass zum ersten Mal so etwas wie Licht durchdringen konnte: das Universum wurde "durchsichtig". Die Strahlung aus dieser Zeit wurde ebenfalls stark rotverschoben - sie bildet heute den sogenannten "Mikrowellenhintergrund" des Universums, für dessen Vermessung dieses Jahr (2006) zwei amerikanische Physiker mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Als in den 60er Jahren genau diese Hintergrundstrahlung entdeckt wurde, war das eine phänomenale Bestätigung der Urknall-Theorie: seither ist die grosse Mehrheit der Astronomen und Kosmologen vom Urknall überzeugt (in den Jahren danach sind noch viele weitere, stützende Hinweise hinzu gekommen, wie die Verteilung von bestimmten, sogenannt "primordialen" Elementen in Gaswolken, die exakt mit den theoretischen Werten aus Urknall-Simulationen überein stimmt).

Inflationärer Unsinn


Die Expansion nach WMAPDie Urknalltheorie hat sich seit den Zeiten Lemaitres stark weiter entwickelt. So hat sie immer wieder neue Konzepte und Ideen in sich aufgenommen: wir können deshalb heute sagen, wir können recht gut beschreiben, was geschehen ist - aber wir sind (leider) noch weit davon entfernt, zu erklären, warum es genau so abgelaufen ist. So beobachtet man, dass das Universum überraschend "homogen" ist, das gilt auch zum Beispiel für die genannte Hintergrundstrahlung. Es fiel den frühen Urknalltheoretikern schwer, zu erklären, warum das Universum so homogen war: bis zur Einführung der sogenannten Inflationsphase des Universums. In dieser Phase, die sich kurz nach dem Urknall ereignete, blähte sich das Universum gewaltig auf, und zwar überlichtschnell (das steht nicht im Widerspruch zur speziellen Relativitätstheorie, da diese nur Bewegungen mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Raum verbietet), jeder Teil des Raumes, der vorher so gross wie ein Proton (ein Atomkernteilchen) war, mass danach rund 10 cm im Durchmesser.

Die Inflationsphase ist natürlich das Lieblingsziel der "Urknallgegner": "Ha, das ist doch bloss eine schlecht zusammengeschusterte Erklärung für etwas, das wir nicht verstehen! Die Urknall-Anhänger wollen einfach nicht anerkennen, dass ihr Modell gescheitert ist!"
So funktioniert das aber nicht. Die Urknall-Theorie ist keine in sich abgeschlossene, auf ewig gleich bleibende Theorie: Anpassungen wie die Inflationsphase waren immer möglich und vorgesehen. Allein daran scheitert die Urknalltheorie natürlich nicht: das wäre nur dann so, wenn durch die Urknalltheorie eine Inflation ausgeschlossen würde!

Die Urknall-Theorie hat eine bewegte Geschichte hinter sich, und jede Episode wird nun von den "Urknallgegnern" auf neue Fundgruben durchsucht: So war lange unklar, wie alt die ältesten Sterne sind, die wir kennen: in einigen Fällen schien es so, als seien sie älter als das Universum. Solche Widersprüche lösen sich schnell, wenn man sieht, wie gross die Fehlerbalken solcher Messungen sind: Wenn es zum Beispiel heisst, ein Stern sei 12 bis 15 Milliarden Jahre alt, und das Universum stellt sich als 13 - 14 Milliarden Jahre alt heraus, dann ist dies natürlich nicht zwingend ein Widerspruch, denn es gibt Kombinationen von Alterswerten, die ohne Widersprüche funktionieren.

Der grösste Ruck ging im Jahr 1996 durch die "Urknallgemeinde", als klar wurde, dass das Universum seit bald 8 Milliarden Jahren beschleunigt expandiert: Das heisst, die Hubble-Konstante wird grösser. Diese Interpretation hängt allerdings davon ab, dass "Standardkerzen" wie typische Supernovaexplosionen tatsächlich im ganzen Universum gleich ablaufen. Hinweise darauf, dass das nicht zwingend so sein muss, wackeln zur Zeit etwas an dieser "beschleunigten Expansion". Eine weitere Erschütterung - aber auch eine faszinierende Bestätigung - war die Mission der Raumsonde WMAP im Jahr 2001: Sie vermass die Hintergrundstrahlung so genau wie noch nie zuvor. Aus diesen Daten konnten die Astronomen und Kosmologen dann die folgenden Informationen herauslesen: Das Universum ist demnach 13.7 Milliarden Jahre alt, das Universum wurde 397000 Jahre nach dem Urknall "durchsichtig", die Hubble-Konstante beträgt zur Zeit 71 km/s pro Megaparsec und das Universum besteht aus 4.4% "normaler" Materie, 22% dunkler Materie und 73% dunkler Energie, deren Natur bis heute nicht geklärt ist.

Urknallgegner und Crackpots


Die meisten Urknallgegner sind selbsternannte Experten ohne Hintergrundwissen, aber mit viel Kritik, die sie loswerden wollen - sogenannte Crackpots. Allerdings gilt das natürlich längst nicht für alle: Fundierte Urknallkritik ist immer berechtigt! Bloss gibt es heute eben nur sehr wenig, was dafür spricht, dass kein Urknall stattgefunden hat: Die Galaxienflucht legt nahe, dass einst mal alles eng zusammen lag, die Hintergrundstrahlung und die die Verteilung primordialer Elemente sind exakt so, wie man es von einem Urknall erwarten würde, die Beobachtung, dass es keine Objekte im Universum gibt, die älter als jene 13 Milliarden Jahre sind, die man aus der Urknalltheorie erwarten würde. Niemand bestreitet, dass es Dinge gibt, die die Urknalltheorie nicht erklären kann, und die eine umfassende Theorie der Entstehung unseres Universum ebenfalls beschreiben sollte: Dazu gehört der Urknall selbst, dann die Gründe für die Inflationsphase, die Gründe für die beschleunigte Expansion, für die beobachtete Materieverteilung, etc. Ganz klar ist in der Kosmologie das letzte Wort noch nicht gesprochen, und wer weiss, vielleicht wird es sich eines Tages erweisen, dass unsere Vorstellungen zum Urknall falsch sind, weil eine neue Theorie aufgekommen ist, die die Beobachtungen besser erklären kann als die Urknall-Theorie. Fazit: Urknallkritik ja gerne, aber bitte fundiert.

Atlas of the Universe - Urknall (und der Rest des Universums) kurz und prägnant erklärt (englisch).
Big Bang - Common missconceptions - Typische Missverständnisse beim Urknall (englisch).
Talkorigins zum Urknall - Talkorigins ist eine ausgezeichnete Webseite, auf der Crackpot-Behauptungen (hauptsächlich zur Evolution, aber auch zu anderen Themen) wiederlegt und Dinge wie Evolution und Urknall erklärt werden (englisch).
Unfundierte Kritik - Peter Ripota, Topesoteriker bei "P.M." über die Urknalltheorie, die er offenbar nicht verstanden hat.
Cosmology Statment - Das "Cosmology Statement" ist ein offener Brief an die Physiker-Gemeinde, auch anderen Ideen eine chance zu geben. Es kann von jedem unterschrieben werden.


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Wittgenstein hat am 02.03.2010 10:04:20 geschrieben...

Danke für die Antwort sowie mein Kompliment für die Artikel auf der Website – allesamt sehr fachkompetent und anregend.

Ich bin bemüht, keine weiteren themenfernen Entgleisungen zuzulassen, zumal ich normalerweise sehr vorsichtig und skeptisch bin, etwa im Sinne der Äußerung von Richard Feynman:

„Ich kann mit Zweifel und Unsicherheit leben. Ich denke, daß es viel interessanter ist zu leben und nicht zu wissen als Antworten zu haben, die falsch sein könnten. Ich habe ungefähre Antworten und mögliche Überzeugungen und verschiedene Grade der Gewißheit über verschiedene Dinge, bin mir aber keiner Sache ganz sicher und es gibt viele Dinge, über die ich nichts weiß, wie z.B. ob die Frage, warum wir hier sind, einen Sinn hat. Ich brauche die Antwort nicht zu kennen. Ich habe keine Angst, Dinge nicht zu wissen, verloren zu sein in einem rätselhaften Universum ohne Zweck, was, soweit ich sagen kann, wirklich der Fall zu sein scheint. Es erschreckt mich nicht.“


Zum geozentrischen und heliozentrischen System gibt es eine hübsche Äußerung von Wittgenstein, die von Richard Dawkins zitiert wurde, ich weiß allerdings nicht, welcher Quelle er sie entnommen hat:

„Ludwig Wittgenstein fragte einmal einen Bekannten: "Sagen Sie mir, warum die Leute immer behaupten, es sei für die Menschen eine ganz natürliche Annahme gewesen, dass die Sonne um die Erde kreist und die Erde selbst sich nicht dreht." Darauf erwiderte der Bekannte: "Nun ja, es hat doch den Anschein, als würde die Sonne um die Erde kreisen." Worauf Wittgenstein fragte: "Wie hätte es denn ausgesehen, wenn es den Anschein gehabt hätte, dass die Erde sich dreht?"

Ich habe wiederum vom „elektrischen Universum“ nichts gehört, denke aber, daß es nichts mit der Plasma-Kosmologie zu tun hat. Die Plasma-Kosmologie ist eine mehr oder weniger seriöse, wenn auch nicht unproblematische Theorie, die dem Nobelpreisträger Hannes Alfvén zugeschrieben wird. Anstatt auf die RT stützt sich die Plasma-Kosmologie auf die klassische Mechanik und Elektrodynamik, die sie auf das ihrer Ansicht nach ubiquitäre kosmische Plasma anwendet. Ein wichtiger heutiger Verfechter ist Eric Lerner, der ein Buch “The Big Bang Never Happened“ geschrieben hat. Soweit ich sehen konnte, kritisiert Ned Wright auf seiner Tutorial-Page Lerner (Errors in Eric Lerner's "The Big Bang Never Happened"), ich habe aber die Details noch nicht angeschaut. Lerner wiederum verwahrt sich gegen die Kritik: „Dr. Wright is Wrong“.

Bynaus hat am 02.03.2010 04:42:05 geschrieben...

Übrigens ist Lambda CDM soeben - einmal mehr - bestätigt worden. Mit Hilfe von Gravitationslinsen hat man das Alter des Universums auf eine bisher nicht bekannte/angewandte, unabhängige Weise berechnet, und dabei den Wert von ca. 13.75 Mrd Jahre, die Lambda CDM voraussagt, bestätigt:

www.astronews.com/news/artikel/2010/03/1003-002.shtml

Bynaus hat am 01.03.2010 18:36:27 geschrieben...

Danke für deinen Beitrag, der für einmal ;) exakt zum Thema passt... Ein paar Anmerkungen meinerseits:

Das Geozentrische Weltbild war sowohl ein "frühwissenschaftliches" Modell als auch ein religiöses Dogma. Es ist auf den ersten Blick intuitiv durchaus plausibel, dass die Sonne um die Erde kreist: der Mond tut es offensichtlich, und auch die anderen beweglichen Himmelsobjkete tun es in erster Näherung. Aus religiöser Sicht musste die Erde natürlich im Zentrum des Universums liegen, was auch erklärt, warum es so lange dauerte, bis sich in der westlichen Welt das Heliozentrische Weltbild durchsetzen konnte (verschiedene Frühkulturen hatten wohl z.T. auch schon ein heliozentrisches Weltbild).

Und ja, natürlich müssen auch zum Urknallmodell jederzeit kritische Fragen möglich sein - das ist ja auch der Fall, es gibt viele alternative Kosmologien, die vorgeschlagen wurden und werden. Es ist bloss so, dass ein ganz spezifisches Urknallmodell, genannt "Lambda CDM" (Universum mit einer kosmologischen Konstante und Dunkler Materie), bisher alle Tests überstanden hat - es gibt eine ganze Reihe von Beobachtungen, die zum Test von "Lambda CDM" durchgeführt wurden, und jedesmal wurde die Voraussage bestätigt. Es ist deshalb meiner Meinung nach falsch, Dunkle Materie, Dunkle Energie, Inflation etc. als "ausgeklügelte Hilfshypothesen" zu bezeichnen: sie sind längst integraler Teil des Standardmodells, dh, das Modell würde ohne ihre Existenz gar nicht funktionieren. Dass wir kein tieferes Verständnis davon haben, WAS die "Natur" der Inflation, der Dunklen Materie und der Dunklen Energie ist, tut dem keinen Abbruch.

Ob das Universum auch zeitlich homogen ist, ist schwierig zu beantworten: es könnte ja sein, dass wir das bloss deshalb nicht erkennen, weil wir allein durch den Umstand, dass wir Menschen (wie auch andere Beobachter) relativ früh nach dem Urknall auftreten müssen und deshalb gezwungendermassen einen begrenzten Horizont ("sichtbares Universum" genannt) haben ("anthropic bias" genannt). Könnten wir sehr viel weiter sehen, würden wir vielleicht erkennen, dass "Urknälle" nichts anderes als seltene Ereignisse in einem unendlich grossen, unendlich alten Universum sind, womit die von dir geforderte zeitliche Homogenität wieder hergestellt wäre. Im Rahmen eines solchen "Multiversums" wird natürlich jegliche Bemühung von spezifischen nicht-wissenschaftlichen Schöpfungsmythen (die meiner Meinung nach auch so ohnehin fehl am Platz ist) definitiv unsinnig.

Steady-State auf der Ebene des sichtbaren Universums ist in all seinen bisherigen Variationen durch Beobachtungen direkt widerlegt worden (siehe dazu die "Cosmology Tutorial"-Webseite von Ned Wright). "Plasma Kosmologie" kenne ich nicht, aber wenn es sich dabei um eine Variation des "elektrischen Universums" handelt, dann ist das eine simple Crackpot-Idee ohne wissenschaftliches Fundament.

Wittgenstein hat am 27.02.2010 09:33:45 geschrieben...

Guter und interessanter Artikel.

Laut Steven Weinberg ist der Versuch, das Weltall zu begreifen, eine der wenigen Beschäftigungen, die dem menschlichen Leben eine Art Sinn verleihen und es über das Niveau einer Farce erheben, auf dem es sich zumeist abspielt.

Die Urknallhypothese ist gegenwärtig in der Tat das Standardmodell, das gängige „Paradigma“ oder „disziplinäre Matrix“ (in der Terminologie des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn), doch wie es im Text korrekterweise heißt, muß sie nicht notwendigerweise der Weisheit letzter Schluß sein. Natürlich können auch etablierte Theorien umgestoßen werden, Paradebeispiel ist das geozentrische System, das nach 1500 Jahren vom heliozentrischen abgelöst wurde. Die gesamte moderne Kosmologie stellt im Grunde eine gigantische und möglicherweise nicht immer zulässige Extrapolation unseres begrenzten Wissens auf das gesamte Universum dar.

Man muß zugeben, daß die Urknallhypothese zunächst in der Tat eine große Erklärungskraft hatte. Mittlerweile its ihr jedoch vor allem vorzuwerfen, daß sie nicht ohne ausgeklügelte Hilfshypothesen auskommt: dunkle Materie, dunkle Energie, kosmologische Inflation usw.

Sie nimmt zudem an, daß das Universum räumlich homogen und isotrop ist, philosophisch befriedigender wäre aber eigentlich auch die zeitliche Homogenität (Perfektes Kosmologisches Prinzip). Es ist auch fraglich, ob beim Urknall – wie zuweilen behauptet – die Zeit und der Raum miterschaffen wurden. Ich würde meinen, daß Zeit und Raum irgendwie unabhängig von der Materie existieren. Sie sind keine subjektiven Kategorien im Sinne von Kants apriorischen Anschauungsformen, aber auch nicht ganz real wie die physikalischen Körper. Außerdem gibt der Urknall Schöpfungsmythen und Religionen neue Argumente. Vielleicht war es kein Zufall, daß der katholische Geistliche Lemaître die Big-Bang-Theorie vorgeschlagen hat und der Vatikan auch heute ganz gut damit leben kann.

Andereseits können sind auch alternative Kosmologien wie die Steady-State-Theorie, die Plasma-Kosmologie und was es da nicht noch alles gibt ebenfalls mit Problemen behaftet.

Ich habe inzwischen große Zweifel daran, daß die Welt durch eine einheitliche Theorie beschrieben werden kann. Natürlich wäre es schön, wenn alle physikalischen Phänomene auf ein einfaches Prinzip oder Formel zurückführbar wären, aber die Welt muß nicht unbedingt unseren Wünschen und Vorstellungen entsprechen. Vielleicht sind lediglich einzelne Theorien möglich, die Teilaspekte der Welt beschrieben, weil die Welt nicht einem allgemeinen Prinzip unterliegt und nicht alles mit allem irgendwie zusammenhängt.

Aber selbst wenn es eine solche „Theorie des Alles“ geben sollte, blieben noch immer Fragen offen wie z.B.: Warum beschreiben gerade diese und keine anderen Naturgesesetze die Welt? Warum gibt es überhaupt Naturgesetze? Wieso gibt es überhaupt die Welt, d.h. etwas, warum macht sich die Welt überhaupt die Mühe zu existieren, da sie doch auch nicht existieren könnte? Carl von Weizsäcker hat allerdings spekuliert, daß die ultimative physikalische Theorie ihre eigene Möglichkeit begründen würde, da sie die Vorbedingungen der Erkenntnis im Sinne Kants enthielte.

Bynaus hat am 23.07.2009 11:04:54 geschrieben...

Bisher dehnt es sich einfach (immer schneller) aus. Was in der fernen Zukunft passiert - weiss niemand. Man versteht ja nicht einmal die Herkunft der Dunklen Energie - folglich weiss man auch nicht, ob diese in Zukunft zunehmen wird oder nicht. Aus dieser Position könnte man sagen, eine Kontraktion ist genauso möglich wie eine ewige Ausdehnung.

Manfred hat am 23.07.2009 09:04:34 geschrieben...

Und wenn sich das Universium während Milliarden von Jahren ausdehnt und während Milliarden von Jahren wieder schrumpft, analog von Ebbe und Flut, nur in etwas längeren Zeiträumen?
Kann man dies heute sicher ausschliessen?

paule hat am 23.11.2008 05:11:17 geschrieben...

Sehe gerade, daß es hier sehr ruhig ist.
Also fange ich einfach einmal an. Die Gravitationskonstante G, ich setze hierbei voraus, daß das stimmt, hat die Einheit m³/kgs².
Dies bedeutet, daß es eine zeit- und masseabhängige Beschleunigung des Raumes gibt. Auf deutsch: m³/s je s je kg.
G kann man über die Zeit integrieren. Dann hat man G*t und die Bedeutung m³/skg
Für eine bestimmte Zeit hat man dann ein Volumen, welches sich durch nochmalige Integration über die Zeit ergibt: Gt²/2, m³/kg

Eine bestimmte Zeit nach "Null" hat man dann auch eine bestimmte Dichte. kg/m³: 2/Gt²

Die Gravitationskonstante G ist uns aus Messwerten bekannt und die mittlere Dichte rho des Weltalls ebenfalls zumindest der Größenordnung nach.

Daraus läßt sich eine Zeit errechnen: t= sqrt (2/(rho*G

Annahme: rho= 1 H/m³ = 1.67e-27 kg/m³ und G = 6,67e-11 ergibt t= 134 Mrd. Jahre

Wenn wir allerdings 100 H/m³ annehmen, ergibt sich ein Alter von 13,4e9 Jahren und eine Masse von 1,49e54 kg.

Außer der mittleren Dichte und der Konstanz der Gravikonstante wurde keine weitere Annahme gemacht!

Spätere Beiträge folgen.


Bynaus hat am 03.11.2006 13:55:21 geschrieben...

Stell dir einfach vor, die Tintenpartikel des Filzstifts, mit dem die Punkte auf den Ballon gemalt wurden, ziehen sich gegenseitig an. Wenn der Ballon so langsam aufgeblasen wird, dass die daraus resultierende Kraft geringer ist als ihre gegenseitige Anziehung, dann werden die Punkte zusammen bleiben, auch wenn der Ballon (der Raum) unter ihnen wegexpandiert. Genau so ist es auch: Die Anziehung zwischen den Atomen ist so stark, dass sie (lokal!) viel stärker ist als die Expansionsbewegung des Raumes. Ich glaube, es gibt sogar einen von Einstein entwickelten mathematischen Formalismus, mit dem man berechnen kann, bis in welche Entfernung unsere Galaxie wegen dieser Effekte nicht mitwächst (das waren, wenn ich mich richtig erinnere, einige Millionen Lichtjahre, das heisst, die lokale Gruppe wird durch die Raumexpansion nicht auseinander gerissen).

Dave the drummer hat am 03.11.2006 11:18:52 geschrieben...

Huch, das kam ja überraschend schnell^^

Hmmm... Ich weiß jetzt nicht genau, ob ich Opfer eines essentiellen Denkfehlers bin oder ob ich mich falsch ausgedrückt habe, daher greife Ich das beliebte Ballonmodell nochmal auf:
Pustest man diesen Ballon auf, kann man sehr schön beobachten, dass die darauf befindlichen Punkte im gleichen Maße >mitwachsen<, wie der Raum zwischen ihnen >wächst<. Stellt man sich nun vor, dass einer der Punkte ein Beobachter >seines Universums< (also: seines Ballons) ist, kommt man doch zwangsläufig zu dem Schluss, dass er selber auch >wächst< und von seinem Standpunkt aus >alles gleich bleiben< müsste, da sich die Änderungen aufgrund der Gleichmäßigkeit seiner Wahrnehmung entziehen würden.
Wenn dem jetzt NICHT so ist, bedeuted dies dann, dass der Raum - Raum als Begriff für die >Trägerdimension(en)< der Materie - eine andere Quantisierung als die Materie selber hat!? Und würde das weiterhin bedeuten, dass der Einfluss der Materie auf den Raum selber größer ist als angenommen!?

Bynaus hat am 03.11.2006 10:35:20 geschrieben...

Diese Frage wird oft gestellt, und du hast recht, dass ich sie hätte im Artikel erwähnen sollen. Natürlich expandiert der Raum, in dem wir uns "selber" befinden, ebenfalls. Aber die lokalen Bewegungen von Teilchen sind so gewaltig gegenüber dem äusserst kleinen Expansionsbetrag, dass er nicht ins Gewicht fällt. Beispiel: Zwei Atome in einem Molekül schwingen in jeder Sekunde viele Millionen Milliarden mal stärker (=grössere Strecken), als sie sich durch die Expansion des Raumes voneinander entfernen. Deshalb wird die Raumexpansion die beiden Atome im Molekül niemals trennen können. Die Raumexpansion ist auf kurzen Strecken nicht mehr als ein Flüstern neben einer Box an einem Heavy-Metall-Konzert: Absolut vernachlässigbar.

Dave the drummer hat am 03.11.2006 10:05:55 geschrieben...

Wie immer wenn ich vom expandierenden Raum lese, stellt sich mir folgende Frage:
Expandiert der gesamte Raum oder nur der Raum zwischen den Galaxien?
Zweiteres schließe ich für mich persönlich aus, weil es für mich nach meinem bisherigen Wissen unplausibel erscheint.
Wenn aber der Raum selber expandiert, müsste der Raum in dem "wir selber" sind (einschließlich unserer Technik) dem selbigen unterliegt. Die Folge daraus wäre: Wir würden keine driftende Materie beobachten können, da dass bestehende Verhältnis gleich bliebe - das Universum würde "ruhen". Also!?

Reimund Bertrams hat am 25.10.2006 13:37:43 geschrieben...

Wahrscheinlich wird die Urknalltheorie gerade deshalb so unter Feuer genommen, weil die Trennwand zwischen dem, was allgemein als naturwissenschaftlich absicherbar oder überprüfbar gilt, und dem rein Transzendentalen und prinzipiell Unerklärlichen hier besonders dünn ist. An diesem geheimnisvollen Zeit- und Raumpunkt X, dieser philosophischen Demarkationslinie, prallen beide Weltanschauungen in ihrer gegenseitigen Unvereinbarkeit eben brutal aufeinander.

Wenn es, wie in der Urknalltheorie behauptet, stimmt, dass mit diesem Big Bang die Welt an sich erst entstanden ist – inklusive Raum und Zeit –, dann ist und bleibt der »Ursprung des Urknalls« prinzipbedingt unerklärbar, denn diese Welt schließt auch alle möglichen Erklärungsmittel und Messmethoden ein. In deinem Artikel musst du ja selbst vor diesem Phänomen kapitulieren, wenn du sinngemäß sagst, dass aus der Zeit vor der Zeit keinerlei Informationen zu erhalten sind. In einem »Zustand ohne Zeit« macht eine Zeitangabe wie »vor« überhaupt keinen Sinn.

Hier wird wieder mal deutlich, dass unser Gehirn in erster Linie ein bloßes Überlebens-Organ ist, das für eine echte, rationale Welt-Erkenntnis nur unzureichend geeignet ist. Wer von den Urknall-Theoretikern ehrlich ist, wird zugeben, dass diese Theorie frustrierend und quälend ist (womit nicht von mir behauptet wird, dass sie falsch sei!!!), denn Naturwissenschaft sollte daran gelegen sein, immer die Ursachen eines bestimmten natürlichen Phänomens aufzudecken. Ausgerechnet beim Urknall gelingt es aber nicht, diesem Ur-Sprung allen Seins »auf den Grund zu gehen«. Man kann es nur als unerklärbare Gegebenheit hinnehmen – und damit dem überheblichen Anspruch mancher (nicht aller!!!!) Naturwissenschaftler zu Grabe tragen, letzten Endes alles auf dieser Welt mit eben den Mitteln dieser Welt eine sinngebende Erklärung zu geben.

Und wenn Wissenschaftler lapidar kund tun, dass Fragen nach dem Zustand »vor« dem Urknall prinzipiell sinnlos seien und dann zur Tagesordnung übergeben, erheben sie sich damit über die Regungen »normaler« Menschen, die eine solche Hoffnungslosigkeit furchtbar wurmt. Diese Immunität gegenüber nachvollziehbaren menschlichen Gefühlen gegenüber rückt solche Wissenschaftler fast schon in die Nähe von gefühlskalten Monstern – wahrscheinlich auch ein Grund, dass ihre Theorie so heftig kritisiert wird.

Andererseits wäre auch eine Steady-State-Theorie oder das Postulat eines seit und in Ewigkeit bestehenden, unendlichen Universums nicht minder frustrierend – denn auch da versagen all unsere Denkstrukturen und Begriffe: Angesichts unendlicher Zeiträume ohne Anfang und Ende gibt es ebenfalls kein »davor« und erst Recht kein »Warum«. Auch von daher haben die Urknall-Gegner keinerlei Grund zum Frohlocken.

Ich bin beileibe kein Crackpot. Ich habe zwar Fragen, und ich hege auch an manchen Dingen Zweifel, aber ich würde mir nie anmaßen, dass ich klüger sei als ganze Generationen gut ausgebildeter Wissenschaftler.

Cmdr. Tomalak hat am 12.10.2006 18:59:49 geschrieben...

Au weia! Bei dem Interview mit Peter Ripota wurde mir echt übel! Das tut echt weh, wer so wenig Ahnung von der Materie hat, sollte einfach mal still sein!

Was den Brief an die Physikergemeinde angeht: Es ist immer Platz für neue Ideen, aber nur, wenn sie fundiert sind! Warum also diese Flennerei??