Nicht die Krise, die wir wollten – aber vielleicht die Krise, die wir brauchen?

New York, Sitz der UNO, informelle Haupstadt der Menschheit. Quelle: Flickr, Anthony Quintano.

Gut möglich, dass du hierher gekommen bist, um wider mal etwas zu lesen, in dem das Corona-Virus nicht vorkommt. In diesem Fall entschuldige ich mich bei dir… denn diese neue, globale Krise, die im Schlepptau der SARS-CoV-2-Pandemie gekommen ist, hat die Welt so schnell, so umfassend überspült, dass man sich durchaus Gedanken machen muss, ob sie auf das übergreifende Thema dieser Seite – der Übergang der Menschheit zu einer multiplanetaren Zivilisation – einen Einfluss haben wird. Ich vermute, ja. Nicht, weil ich Angst hätte, dass jetzt bald alles zusammenbricht und sich das „Fenster der Gelegenheit“, auf dem Mars oder sonstwo eine unabhängige menschliche Zivilisation aufzubauen, demnächst schliessen wird.

Nein, ich habe im Gegenteil sogar das Gefühl, diese Krise wird zwar noch lange nachwirken, sie wird aber auch die Menschheit als komplexe, technologische Zivilisation nachhaltig stärken. Denn sie legt den Finger heftigst auf mehrere wunde Punkte:

  1. Die enormen Abhängigkeiten, die durch die internationalen Güterketten entstanden sind, werden nun schonungslos offengelegt. Die Effizienz, mit der Gesellschaften gegen das Virus vorgehen können, hängt plötzlich nicht mehr nur von ihren technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ab, sondern auch von so banalen Dingen wie der Lieferfrist eigentlich günstigster Waren wie Masken – oder Klopapier. Die Resilienz der Zivilisation gegenüber äusseren Störungen wird plötzlich zum Thema, existenzielle Risiken sind plötzlich nicht mehr so abstrakt wie zuvor. Ein globale Stärkung der Resilienz könnte also auch langristig positive Auswirkungen haben, auch gegenüber anderen existenziellen Risiken wie starken Sonnenstürmen, Asteroiden-Einschlägen, Supervulkan-Ausbrüchen, Kriegen mit Nuklearwaffen etc.
  2. Der fehlende Mechanismus einer umfassenden Grundsicherung der Existenz für alle Menschen. In den USA dürfte es den Menschen jetzt langsam dämmern (man wagt es zumindest zu hoffen), dass eine Krankenversicherung für alle (die ich auch zur Grundsicherung zählen würde) eine gute Sache ist. Das man dem Markt weder alles überlassen muss, noch sollte – dass es stattdessen gewisse zivilisatorische Errungenschaften gibt, die wir nicht tun, weil sie den Wohlstand (einiger?) mehren, sondern weil es das Wohlbefinden der Gesellschaft insgesamt verbessert: oder einfacher gesagt, weil es einfach das Richtige ist. Aber auch ausserhalb der USA wird jetzt schmerzlich klar: wenn man die Existenzsicherung komplett der Lohnarbeit überlässt, stehen die Menschen – gerade in Ländern ohne soziales Netz – vor dem Nichts, wenn sie plötzlich wegfällt. Wäre es nicht besser, wenn jedem Menschen ein minimales Einkommen zur Existenzsicherung zur Verfügung stünde, unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht? Und zwar weltweit?
  3. Die Krise hat auch wieder einmal gezeigt, wie wichtig ein wissenschaftliches Weltbild und die Orientierung an der Realität sind, wenn es um die Bekämpfung realer Probleme geht. Donald Trump etwa mag ein Meister darin sein, seine Gegner zu verhöhnen, einzuschüchtern, mit „alternativen Fakten“ einzudecken oder zu verklagen – mit einem Virus funktioniert das einfach nicht. Es ist, wie es ist, tut, was es tut: seine Existenz lässt sich nicht leugnen (nicht, dass er es nicht versucht hätte…), es existiert unbekümmert weiter und richtet Schaden an. Man muss die Welt nehmen wie sie ist – erst dann kann man sie verstehen, und dann erst verbessern. Die ganze Welt zählt jetzt auf die medizinische Wissenschaft, hofft darauf, dass schon bald ein Impfstoff entwickelt wird, oder zumindest ein Mittel, das den Verlauf der Krankheit mildert. Auffällig: von Globulis gegen das Virus redet (zum Glück) niemand, Horoskope werden endlich mit Warnhinweisen versehen, und auch die Impfgegner sind plötzlich ganz stumm geworden. Es scheint dass eine grosse Mehrheit der Menschen in der Krise schon weiss, worauf man wirklich zählen kann. Bloss – wie lange hält diese Erkenntnis nach der Krise wohl an?
  4. Einmal mehr wird auch klar, wie wichtig internationale Organisationen und internationale Zusammenarbeit und Solidarität sind. Gewisse existenzielle Bedrohungen sind so gross, dass jedes Land, dass sich ihnen allein stellen muss, überfordert wäre. Weil nicht alle Länder gleich oder gleichzeitig betroffen sind, öffnen sich Möglichkeiten, sich gegenseitig auszuhelfen – zum Vorteil aller Beteiligten. Das steht im angenehmen Kontrast zu den verstärkt nationalistischen Tendenzen, die sich vor der Krise in vielen Teilen der Welt offenbart haben. Gewisse internationale Organisationen erlangen dadurch wieder verstärkte Glaubwürdigkeit und Legitimation (etwa die WHO, wobei ihr das Gezerre rund um Taiwan nicht gut ansteht), während sich bei anderen die bereits bestehenden, vor sich hin schwelenden Konflikte wieder verstärkt zeigen (wie etwa in der EU, die sich nun wieder mit der Kernfrage der europäischen Solidarität auseinander setzen muss). Auch dies kann man im Sinn einer Rück-Orientierung an der Realität sehen: man muss sich Problemen stellen, wenn man sie lösen will.
  5. Und schliesslich zeigt sich: wenn die Menschheit wirklich will, weil sie plötzlich wirklich muss, geht plötzlich erstaunlich vieles. In kürzester Zeit sind plötzlich überall auf der Welt hunderte von Milliarden Dollar / Euro / Franken verfügbar, die man zuvor für Massnahmen gegen den menschgemachten Klimawandel niemals hätte ausgeben können. Plötzlich arbeiten Millionen Menschen von zu Hause aus, steigen nicht mehr in Flugzeuge, Züge und Autos, fahren ihren Konsum zurück – und all das, ohne dass die Welt zusammenbricht. Die Luftqualität hat sich in der Folge in vielen Gebieten bereits dramatisch verbessert. Ein Ausblick darauf, wie eine Welt aussehen könnte, die sich von der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen gelöst hat! Dabei ist das Schadenspotential des Klimawandels sehr viel höher als jenes des Corona-Virus – bloss ist dessen Zeithorizont auch viel grösser, und die Dringlichkeit von Massnahmen damit weniger offensichtlich.

Ich bin gespannt, zu sehen, wohin das alles noch führt. Was meinst du? Welche Veränderungen werden sich noch ergeben? Schreib es unten in die Kommentare!

4 Kommentare

  1. Ich hoffe, dass deine dargestellten Punkte tatsächlich so wirken wie geschrieben.
    Aber ich fürchte es gibt auch deutliche Gegenbewegungen:
    Punkt 4: Internationale Organisationen könnten durchaus geschwächt hervor gehen. Der aktuelle Zank in der EU um Geld und medizinische Ressourcen könnte die EU zerreißen.

    Punkt 5: Beim Kampf gegen den Klimawandel wäre viel geholfen, wenn Autos durch öffentlichen Nahverkehr ersetzt würden. Aber jeder der gerade lernt, dass diese Infektionsherde sind und sich deswegen ein Auto kauft wird das auch in Zukunft nutzen. Mit all den erhöhten Verbrauch an Rohstoffen.
    Und alle, die lernen, dass Supermärkte eben doch nicht immer alles liefern können, werden in Zukunft jede Menge unnötiges Zeug im Keller lagern und nie verwenden (Nahrung, Klopapier, Masken,…) und das wird den Rohstoffverbrauch anheben.
    Alle die dieses Jahr gezwungener Maßen ihren Urlaub nicht antreten können überlegen vielleicht nächstes Jahr doch eine unnötige Fernreise zu machen. Nach dem Motto: wir haben es überlebt und „müssen“ es machen so lange es geht.

    Punkt 3: Derzeit sind alle Staaten sehr autoritär, um die Ausgangsbeschränkungen durchzusetzen.
    Für Deutschland (wo ich wohne) gehe ich davon aus, dass sobald es vorbei ist der Staat die Rechte wieder abgibt. Aber anderen Staaten (China, Ungarn,…) traue ich zu manche Rechte der Bürger dauerhaft zu schleifen. Ich hoffe, dass die Demokratie das überlebt und gestärkt hervorgeht, aber so sicher bin ich da nicht

    • Ich denke nicht, dass die EU jetzt an diesem Problem scheitern wird – aber ich denke, dass die EU nun gezwungen wird, sich diesem Problem einmal mehr zu stellen. Vielleicht ist das die Chance, es auch zu lösen, statt die Lösung einmal mehr zu verschieben – wobei das auch ein wenig davon abhängt, wie lange die Krise noch dauert…

      Ja, ich denke, es ist möglich, dass man teilweise die falschen Lehren ziehen wird, z.B. in Bezug auf den ÖV. Allerdings besteht auch die Hoffnung, dass die stark reduzierte Luftverschmutzung doch dem einen oder anderen als Anlass dient, jetzt mal ernsthaft über ein Elektro-Auto nachzudenken. Das ist aus Sicht der Ressourcen zwar immer noch schlechter als der ÖV, aber immerhin nicht so schlecht wie ein zusätzlicher Benziner auf der Strasse.

      Ja, die Situation in Ungarn sehe ich auch mit Sorge… Man darf nicht vergessen, dass auch „traditionell“ demokratische Staaten nicht vor autoritären Anwandlungen ihrer Regierung gefeit sind. Während des zweiten Weltkriegs regierte der Schweizer Bundesrat praktisch nur über Verfügungen, das Parlament war praktisch ausgeschaltet, die direkt-demokratischen Elemente der Verfassung aufgehoben. Nach dem Ende des Krieges hätte der damalige Bundesrat sehr gerne so weitergemacht – zum Glück setzte eine Volksinitiative diesem Ansinnen einen Riegel. Nun wird die Corona-Krise (hoffentlich!) nicht so lange dauern wie der zweite Weltkrieg: aber auch in traditionell demokratischen Ländern gilt es, wachsam zu bleiben.

  2. Interessanter Artikel, und an Corona-Content, solange er nicht den tagesaktuellen Entwicklungen hinterher hechelt, ist doch nichts auszusetzen. Es ist eben DAS Thema derzeit.
    Zu Punkt 3 und Trump: während sich das Virus nicht um hohle Versprechungen und Wunschdenken kümmert und schonungslos die Unfähigkeit der US-Administration offenlegt, scheint das weite Teile der Bevölkerung nicht zu kümmern! Trumps Zustimmungswerte liegen nach wir vor hoch, obwohl seine Aussagen noch nie so schnell und deutlich als, sorry, Bullsh*t bewiesen wurden. Ich war immer der Überzeugung, sobald eine wirtschaftliche oder anders drastisch spürbare Krise kommt, werden viele Trumpwähler merken, dass Realität eben doch existiert und Politik reale Auswirkungen hat. Es scheint nicht der Fall zu sein und ich verstehe einfach nicht, wieso.

    Zu Punkt 5: Konsumverzicht „ohne, dass die Welt zusammenbricht“. Ich fürchte, die wirtschaftlichen Auswirkungen werden erst in den nächsten Monaten so richtig spürbar, und der mögliche Verlust vieler Existenzen ist ein hoher Preis für die Reduktion der Emissionen. Wenn das nachhaltig passieren soll, müssen wir darauf achten, die Lasten gleichmäßig zu verteilen.
    Die Parallelen zum Klimawandel sind auf jeden Fall groß, mit dem größten Unterschied des Zeithorizonts. Wie glaubst du, können wir die aktuelle Entschlossenheit gegen Corona auf den Klimawandel übertragen? Das Problem ist ja immer noch, dass die positiven Auswirkungen von Maßnahmen weit in der Zukunft liegen und die Kosten aber jetzt anfallen.

    Vielen Dank für den Artikel, ich freue mich immer wenn der Blog im RSS Feed auftaucht, auch wenn ich bisher glaube ich nie kommentiert habe.

    • Trumps „Kern“-Anhänger sind wirklich weitestgehend Realitäts-Resistent. Sie schauen nur Fernsehsender, die Trump lobhuddeln, glauben ihm alles und allen anderen Medien nichts, etc. Das Gute dieser Situation ist aber, dass diese Leute nicht zwingend eine Mehrheit zusammenbekommen, um Trump wiederzuwählen (sie machen ca. 40% der Wähler aus) – sofern alle anderen auch nicht zu Hause bleiben.

      Die aktuelle Entschlossenheit wird sich nicht ohne weiteres auf den Klimawandel übertragen lassen. Aber ich denke es hilft schon zu zeigen, was möglich ist, wenn man nur will. Weiter würde es, denke ich, helfen, zu vermitteln, dass es ganz direkte positive Folgen – schon heute! – gibt, wenn wir uns von den fossilen Rohstoffen trennen. Etwa die wegfallenden Schadstoffe, der wegfallende Smog, die wegfallende Abhängigkeit von erdölproduzierenden Staaten, etc.

      Aber ja, man muss bei der Umsetzung schauen, dass die Belastungen verteilt werden – am besten ist das wohl über eine „Carbon Tax“, also eine Kohlenstoffsteuer umsetzbar, die an die Bevölkerung zurückverteilt wird.

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