Mars ist nicht der Plan B

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Künstlerische Darstellung: der Mars heute (links) und wie er vor Milliarden Jahren ausgesehen haben könnte (rechts): eine viel lebensfreundlichere Welt. (Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center)

Wenn es nach Elon Musk und seiner privaten Raumfahrtfirma SpaceX geht, wird die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten erste Siedlungen auf ihren Nachbarwelten errichten, allen voran auf dem Mars. Musk ist mit seinem Traum nicht allein – gemessen an der Reaktion, die das (hoffnungslose) „MarsOne“ Projekt vor ein paar Jahren weltweit auslöste, wird dieser Traum von mindestens hunderttausenden Menschen weltweit geteilt. Auch Jeff Bezos, Gründer, CEO und Hauptaktionär von Amazon und der gegenwärtig reichste Mensch der Erde, arbeitet nach eigenen Angaben mit seiner Firma Blue Origin auf eine Welt zu, in der „Millionen von Menschen im Weltraum leben und arbeiten“.

Doch man muss nicht lange suchen, um Kritiker solcher Visionen zu finden: so etwa Francis Rocard, ein Astrophysiker, welcher bei der französischen Weltraumbehörde CNES für die Sonnensystem-Exploration verantwortlich ist. In einem kürzlich erschienen Artikel meint er: „Musks langfristigen Plan, den Mars zu besiedeln, halte ich für ethisch höchst fragwürdig. Der Mars ist für ihn Plan B.“ Und Martin Rees, ein berühmter englischer Astronom, meinte vor kurzem in einem von ihm verfassten Artikel: „Ich kann Musk und Stephen Hawking, die von grossen Mars-Kolonien träumen, nicht zustimmen. Es ist eine gefährliche Illusion, zu glauben, dass der Weltraum uns erlaubt, den irdischen Problemen zu entkommen. (…) Es gibt keinen Planeten B für normale Menschen.“

Um gleich zum Punkt zu kommen: weder Musk, noch Bezos, noch irgend jemand anderes, der den Bau solcher Siedlungen auf anderen Planeten unterstützt, hat je gemeint, dass man dafür die Erde aufgeben sollte. Ganz im Gegenteil: Nach den Gründen für seine Vision gefragt, sagt Bezos, dass er langfristig die Erde von aller schweren Industrie befreien will, so dass die Erde wieder lebenswerter wird und die Natur sich erholen kann. Musk ist neben seinem Chefposten bei SpaceX auch der CEO und CTO von Tesla. Einer Firma also, die es nicht nur eigenhändig geschafft hat, endlich attraktive Elektroautos zu bauen, sondern damit auch gleich alle anderen Autohersteller dazu gezwungen hat, selbst mit der Entwicklung solcher Fahrzeuge zu beginnen. Tesla ist auch Federführend bei der Entwicklung von Grossbatterien für die Zwischenspeicherung von Strom aus Erneuerbaren Quellen. Musk würde kaum so viel Zeit und Mühe in Tesla stecken, wenn ihm die Erhaltung der natürlichen Umwelt der Erde nicht ein sehr wichtiges Anliegen wäre.

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Die Behauptung, bei der Besiedlung des Mars ginge es letztlich nur darum, die Flucht einer Elite von der Erde vorzubereiten, wird auch von Musk vehement bestritten. Bei der Vorstellung der Mondmission mit Yusaku Maezawa letzte Woche sagte er: „Wir sollten so bald wie mögliche eine multiplanetare Zivilisation werden. Und ich muss betonen, ich meine hier wirklich multiplanetar, nicht monoplanetar, anderswo. Die Erde, der Mars, der Mond, vielleicht die Venus, die Jupiter-Monde, und weiter hinaus ins Sonnensystem. Und irgendwann auch hinaus zu den Sternen.“ Die Vision ist klar: eine Zivilisation, die auf viele Planeten und Monde verteilt ist, ist vielfältiger, robuster gegenüber lokalen Katastrophen und damit langlebiger.

Diese Rechnung geht natürlich nur dann auf, wenn die Besiedlung anderer Welten nicht so viele Ressourcen verschlingt, dass nichts mehr für die Stabilisierung der Heimatwelt übrig bleibt. Genau dies ist der Vorwurf jener, die meinen, man müsse „zuerst die Probleme der Erde lösen“. Astronauten ins All zu schicken ist heute in der Tat sehr teuer. Als die NASA Ende der 1980er Jahre berechnete, was es kosten würde, sechs Amerikaner zum Mars zu schicken, kam sie auf rund 400 Milliarden Dollar (also 67 Milliarden Dollar pro Astronaut!). Wenn eine von der Erde unabhängige Zivilisation auf dem Mars 1 Mio Siedler braucht (wie Musk schätzt), dann sind allein für deren Transport 67 Billiarden Dollar nötig, oder 900 Mal das jährliche Bruttoinlandprodukt der Welt. Es ist offensichtlich, dass eine Besiedlung des Mars unter diesen Voraussetzungen völlig illusorisch ist.

Elon Musk weiss das natürlich nur zu gut. Aus diesem Grund hat er sich mit SpaceX das Ziel gesetzt, die Kosten in der Raumfahrt dramatisch zu reduzieren. Sein langfristiges Ziel ist es, dass Menschen der US-Mittelklasse sich ein „Auswandern“ auf den Mars leisten könnten (wenn sie auf der Erde alles verkaufen). Dies beschränkt den individuellen Ticketpreis auf etwa 500’000 Dollar. Der Transport der 1 Mio Siedler kostet dann „nur“ 500 Milliarden Dollar (oder 0.6% des Bruttoinlandprodukts der Welt), also gerade etwa so viel, wie die NASA für ihre sechs Astronauten ausgeben wollte. Zum Vergleich: Die Bekämpfung des Klimawandels wird die Welt mindestens 1500 Milliarden Dollar, oder etwa 2% des heutigen Bruttoinlandprodukts kosten (eher mehr, weil griffige Massnahmen immer weiter nach hinten verschoben werden). Diese Beträge liegen für die Menschheit insgesamt absolut im Bereich des Möglichen: Die globalen Militärausgaben liegen heute im Bereich von ca. 1800 Milliarden Dollar – pro Jahr. Selbst für scheinbar triviale menschliche Aktivitäten wie Rauchen (20 Milliarden pro Jahr) oder Golfen (70 Milliarden pro Jahr) wird in einem Jahrzehnt mehr Geld ausgegeben als die Marsbesiedlung kosten würde. Das heisst: wenn Musk sein Ziel einer extremen Kostenreduktion in der Raumfahrt erreicht, ist eine Marsbesiedlung nicht nur machbar, sondern auch finanzierbar – und es bleiben auch genügend Ressourcen übrig,  um „die Probleme der Erde“ zu lösen.

Der Mars ist deshalb nicht der Plan B, sondern sollte ein integraler Teil von Plan A sein: das langfristige Überleben der Menschheit sichern – auf der Erde, und anderswo.

Hinweis: der Artikel wurde aktualisiert, im ganzen Artikel wurde „Kolonie“ durch „Siedlung“ ersetzt.

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