Interview mit einem Zeitreisenden – Teil 1

Was wäre, wenn wir uns mit einem Zeitreisenden unterhalten könnten? Was würde er uns über uns, über unsere Zeit und über unseren Platz im Universum sagen können? Eine fiktives Gespräch, zwischen zwei Personen, die durch Äonen voneinander getrennt sind…

Die Voyagerplatte
Die Voyagerplatte
Interviewer: Guten Tag, Zeitreisender…

Zeitreisender: Wie bitte?

I: Ich habe sie in der Art begrüsst, die in unserer Zeit üblich ist.

Z: Ach so. Ich möchte Sie natürlich auch begrüssen, wenn dieses Ritual bei Ihnen üblich ist. Bitte verzeihen Sie meine erste Reaktion: Ich verstehe und spreche zwar Ihre Sprache, als ob es meine eigene wäre, doch die Bedeutung vieler ihrer Begriffe ist mir in den völlig unzugänglich.

I: Kein Problem.

Z: Was auch immer das heissen mag…

I: Darf ich Ihnen einige Fragen stellen? Es gibt einige Dinge über Sie, die ich unbedingt fragen möchte…

Z: Nur zu.

I: Meine erste Frage an Sie wäre: aus welcher Zeit stammen Sie?

Z: (irritiert) Aus meiner eigenen natürlich.

I: Natürlich, klar. Ich meine damit, wie verhält sich diese Zeit im Vergleich zur meinen? Wieviele Jahre trennen uns?

Z: Um Ihre Frage zu beantworten, müssten Sie vielleicht erst einmal den Begriff „Jahre“ definieren.

I: Sie wissen nicht, was ein Jahr ist? Das ist die Zeit, die die Erde braucht, um die Sonne einmal zu umkreisen

Z: Ich nehme an, die „Erde“ und die „Sonne“ beschreiben massige Objekte, die sich umkreisen?

I: Äh, ja. Sagt Ihnen der Begriff „Erde“ nichts?

Z: (schulterzuckend) Nicht direkt. Mir ist kein massiges Objekt bekannt, das diese Bezeichnung tragen würde. Aber sehen Sie, bei all den Objekten, die wir kennen, und all den Namen, die sie in den verschiedensten Sprachen tragen, da kann es schon sein, dass ein Objekt darunter ist, das in einer bestimmten Sprache so genannt wird. Hat dieses Objekt denn eine besondere Bedeutung für Sie?

I: Natürlich. Es ist der Planet, auf dem wir leben.

Z: Planet, wieder so ein Wort… Sie sagen also, sie leben auf einem massigen Objekt namens Erde, das ein anderes Objekt namens „Sonne“ umkreist? Und die Zeitspanne, die es dafür benötigt, nennen Sie ein Jahr?

I: Ja, korrekt. Ich bin erstaunt, dass Sie weder die Erde noch die Sonne kennen. Weiss man in der fernen Zukunft denn nicht, wo sich die Menschheit entwickelt hat?

Z: Hui, etwas langsamer bitte, ich komme sonst nicht nach. Wie ich schon sagte, es gibt eine grosse Menge von Welten, die bewohnt sind, ich würde sagen, ihre Anzahl im überschaubaren Bereich des Universums geht in die Milliarden. Da ist es nicht besonders erstaunlich, dass wir diese eine Welt, auf der Sie leben, nicht kennen, nicht wahr? Und dann waren da die Begriffe „Zukunft“ und „Menschheit“ – könnten Sie diese für mich erläutern?

I: Nun, die Zukunft ist die Zeit, die noch kommen wird. Von mir aus gesehen, die Zeit, in der Sie leben. Die Menschheit…

Z: Moment mal. Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Ich möchte nur sicherstellen, dass ich Sie richtig verstehe. Sie wissen, in welcher Zeit ich lebe? Warum haben Sie mich denn vorhin danach gefragt?

I: Nein, nein, der Begriff „Zukunft“ umschreibt für uns ganz allgemein die Zeit, die noch kommt, vom jetzigen Moment an bis in alle Ewigkeit…

Z: (nickt) Ich verstehe, und ich werde Sie jetzt nicht nach dem Begriff „Ewigkeit“ fragen. Sie wollten mir noch den Begriff „Menschheit“ erklären…

I: Die Gesamtheit aller Menschen, die es gibt.

Z: Und wer sind die Menschen, bitte? Bezeichnen Sie damit eventuell sich selbst?

I: Ja, mich selbst, und alle, die so sind wie ich. Sind Sie denn kein Mensch?

Z: Das kann ich nicht beantworten, ohne genau zu wissen, was dieser Begriff umschreibt. Ich wende diesen Begriff allerdings nicht auf mich selbst an.

I: Wie nennen Sie sich denn selbst?

Z: Mein Name ist Iyiad Alin. Ich bin ein Iyiad, der auch ein Alin ist. Verstehen Sie das?

I: Nein, aber lassen wir das. Kommen wir zurück zu meiner ursprünglichen Frage: In welcher Zeit leben Sie? Gibt es einen Weg, dies herauszufinden? Wir müssten uns vielleicht auf ein einmaliges Ereignis beziehen und dann unsere individuelle Position in der Zeitlinie relativ dazu in derselben Einheit ausdrücken. Die Differenz wäre dann die Zeit, die zwischen uns liegt.

Z: Eine gute Idee. Ich denke, der Beginn der Zeit ist ein solches Ereignis. Wieviele ihrer Jahre ist ihre Zeit davon entfernt?

I: Ähm, Sie meinen damit den Urknall? Nun, unsere Wissenschaftler sagen, wir leben rund 13,7 Milliarden Jahre danach.

Z: Hm… das heisst, mal angenommen, Ihre Erde hätte seit dann bestanden, dann hiesse das, dass sie in der Zwischenzeit 13,7 Milliarden Umkreisungen des massiven Objekts „Sonne“ durchgeführt. Wenn ich nun die Masse dieser „Sonne“ wüsste, wäre ich in der Lage, die Dauer eines ihrer Jahre auszurechnen. Wie massiv ist denn die „Sonne“? Ist sie ähnlich massiv wie die „Erde“?

I: Nein, natürlich nicht. Die Erde ist viel weniger massiv. Die Sonne ist der Stern, den die Erde umkreist. (Schaut nach) Sie ist etwa 2 Billiarden Billiarden Kilogramm schwer.

Z: Jetzt müssen Sie mir nur noch sagen, wieviel ein Kilogramm ist.

I: Ein Kilogramm… nun… Ein Mensch wiegt etwa 70 Kilogramm…

Z: Das nützt mir nicht viel…

I: Ein Liter Wasser ist ein Kilogramm schwer. Ja, ja, ich weiss. Ein Liter ist ein Volumen von jeweils einem Zehntel Meter Kantenlänge. Was Wasser ist, dürften Sie doch wissen, nicht wahr?

Z: Ja, ich verstehe den Begriff Wasser. Aber was ist bitte in Meter?

I: (Schaut nach) Ein Meter ist ein 299792458stel der Geschwindigkeit des Lichtes im Vakuum.

Z: Ah, jetzt kommen wir der Sache näher. In welcher Einheit drücken Sie denn die Geschwindigkeit des Lichtes aus?

I: In Meter pro Sekunde… Warten sie, ich weiss. Das Licht legt genau ein Lichtjahr pro Jahr zurück.

Z: Jetzt sind wir auf der Zielgeraden, hoffe ich. Können Sie mir die Einheit Lichtjahr an einem massiven Objekt demonstrieren?

I: (Nach längerem Ãœberlegen) Unsere Galaxis, als der lokale Haufen von Sternen, Gas und Staub, hat etwa 100000 Lichtjahre Durchmesser.

Z: Gut, das reicht. Einen Moment… nun, wir leben ungefähr in derselben Zeit.

I: Wie bitte?

Z: Sie haben mir die Zeit seit dem „Urknall“ als 13,7 Milliarden Jahre angegeben. Aus dieser Angabe schliesse ich, dass Sie diesen Wert nicht genauer kennen, das heisst, der Wert könnte Schwankungen von zwischen 13,65 und 13,74 Milliarden Jahren bedeuten. Das sind immerhin 90 Millionen Jahre. Im Rahmen dieser Genauigkeit kann ich nach meiner Rechnung nur sagen, dass wir in demselben Zeitintervall leben.

I: Na toll… Gut, immerhin, dann kann ich davon ausgehen, dass es die Menschheit zumindest noch zumindest etwa 45 Millionen Jahre geben wird, oder so. Nun, da wir uns bezüglich der Einheiten verstehen, können wir vielleicht einige andere Fragen versuchen?

Z: Natürlich.

I: Können Sie mir das Universum, aus dem Sie kommen, beschreiben? Ich meine insbesondere die vielen bewohnten Objekte, die Sie vorher angesprochen haben.

Z: Nun, wie gesagt, es gibt viele Milliarden davon, und sie werden von unzähligen intelligenten Lebewesen bewohnt.

I: Sind sie alle von Menschen bewohnt? Ich meine, warten Sie, ich weiss, Sie kennen den Begriff Mensch nicht… hm, sind sie alle von intelligenten Lebewesen wie Ihnen bewohnt?

Z: Sagte ich das nicht gerade?

I: (Ãœberlegt) Ich meine folgendes. Sind sich diese intelligenten Lebewesen äusserlich ähnlich? Gehören sie alle derselben biologischen Spezies an?

Z: Nein, diese intelligenten Lebewesen sind grundverschieden voneinander. Jedes ist einzigartig.

I: Natürlich. Aber haben sie auch Gemeinsamkeiten?

Z: Ja. sie teilen sich zum Beispiel das massige Objekt, auf dem sie wohnen. Sie kommunizieren miteinander. Sie existieren. Sie…

I: Gut, warten Sie, eine andere Frage. Stammen alle diese Wesen ursprünglich vom selben massigen objekt, sagen wir mal, vom selben Planeten ab? Oder gibt es in Ihrer Welt auch Lebewesen, die sich auf anderen Planeten als der Erde entwickelt haben?

Z: (Lacht) Wie bitte? Sie glauben im Ernst, dass das Leben auf ihren kleinen lokalen „Planeten“, wie Sie es nennen, beschränkt ist? Bitte entschuldigen Sie, aber das ein sehr eingeschränktes Denken. Natürlich hat sich Leben auf Millionen von „Planeten“ entwickelt. Und natürlich stammen einige der intelligenten Lebewesen vom einen, andere vom anderen „Planeten“ ab.

I: Das heisst, die Menschheit steht im Kontakt mit Ausserirdischen?

Z: Wenn sie mit „Ausserirdische“ intelligente Lebewesen meinen, die von anderen Planeten als der Erde stammen, dann ja, natürlich. Wobei, wie gesagt, ich weiss noch immer nicht, was sie mit „Menschheit“ genau meinen. Ich kann Ihnen bei all den Lebewesen nicht sicher sagen, ob darunter auch eine Gruppe ist, die Ihnen gleicht.

I: Das ist Schade. Es wäre sehr interessant, etwas über die Zukunft der Menschheit zu wissen.

Z: Wir können versuchen, Ihre „Erde“ mit einem mir bekannten Objekt zu identifizieren, dann kann ich Ihnen vielleicht auch sagen, was mit den Mitgliedern ihrer biologischen Spezies geschehen ist.

I: Einverstanden. Nun, die Erde ist der dritte Planet eines Sterns, der sich etwa 30000 Lichtjahre vom Zentrum der Galaxis entfernt befindet. Es gibt keinen weiteren Stern in unserem System.

Z: Wenn ich die Masse Ihres Sterns, die sie mir vorher genannt haben, in Betracht ziehe, sowie diese Entfernungsangabe, dann erhalte ich etwa hundert Millionen Sterne, die in Frage kommen. Sie müssen mir noch etwas genauere Angaben geben.

I: (Seufzt) Das wird schwierig. Ich könnte Ihnen ein Bild einer Plakette zeigen, die auf einer unserer Raumsonden aufgebracht wurde. Darauf sind Pulsarfrequenzen zu sehen, anhand der man die Erde identifizieren könnte. Möglicherweise können Sie so auch die Zeit eingrenzen, in der wir leben.

Z: Ja, zeigen Sie mir dieses Bild.

I: (zeigt das Bild) Und?

Z: Bitte warten Sie einen Moment, ich muss diese Daten verarbeiten. Ja, ja, gut. Hm, erstaunlich. Interessant.

I: Was ist interessant?

Z: Ich konnte Ihr System identifizieren. Ich habe ihre Angaben in eine grosse Datenbank, wie sie es wohl bezeichnen würden, eingegeben und konnte so einiges über Ihren „Planeten“ in Erfahrung bringen. Ich kann Ihnen nicht allzuviel sagen, aber ich kann Ihnen sagen, dass ihr Planet zu der Zeit, in der ich lebe, keine intelligente Zivilisation beherbergt. Zudem kann ich jetzt sagen, dass uns eine Zeit von fast 10 Millionen Jahren trennt.

I: Zehn Millionen Jahre! Das ist beeindruckend. Aber Sie sagen, der Planet Erde ist zu Ihrer Zeit nicht von einer intelligenten Zivilisation bewohnt?

Z: Nein. Es gibt eine sehr aktive Biosphäre, aber der Planet zeigt keinerlei Anzeichen für die Anwesenheit einer Zivilisation.

I: Vielleicht erkennen Sie die Zivilisation nicht als solche. Gibt es denn keine indirekten Anzeichen, wie etwa die Lichter von Städten auf der Nachtseite des Planeten? Künstliche Satelliten im Orbit?

Z: Nein, tut mir leid. Keine. Vielleicht meinen wir doch nicht das gleiche System. Sind Sie sicher, dass die Angaben, die sich auf dieser Plakette befinden, korrekt sind?

I: Ich denke schon. Wie sieht es denn auf den anderen Planeten des Systems aus?

Z: Auch hier findet sich nichts. Keine Anzeichen von intelligenten Lebewesen.

I: Sehr seltsam. Halten Sie es für möglich, dass die Menschheit der fernen Zukunft die Erde und das Sonnensystem verlassen hat?

Z: Das ist durchaus möglich. Es gibt einige Beispiele der galaktischen Geschichte, in der sich solche Dinge abgespielt haben. Die meisten intelligenten Lebewesen bringen es allerdings schon gar nie soweit. Sie sterben lange vorher aus, bevor sie in der Lage sind, ihr Sternsystem zu verlassen.

I: Sie denken, es wäre möglich, dass der Menschheit dasselbe widerfahren ist?

Z: Wie gesagt, gut möglich. Aber entschuldigen Sie mich bitte. Ich brauche eine Pause. Ist es Ihnen recht, wenn wir dieses Gespräch unterbrechen und in, sagen wir mal, einem fünfzigstel Ihrer Jahre weiter fortsetzen?

I: Natürlich. Danke vielmals für das bisherige Gespräch.

Fortsetzung hier.

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