Heart of Gold

Heart of Gold
Heart of Gold (MM, 2018). Alle Rechte vorbehalten.

Dort stand sie, mit drei Begleitern, direkt unter der HoG. Brennan verlangsamte seine Schritte etwas, einen Moment nur, und musterte sie. Sie war kleingewachsen, drahtig, sicher einige Jahre, wenn nicht ein Jahrzehnt älter als er. Ihre Haare waren grau und kurzgeschoren. Er hatte sie schon an Anlässen gesehen, war ihr aber nie persönlich begegnet.

Weiter kam er nicht, denn nun hatte sie ihn gesehen, schenkte ihm ein dürres Lächeln, als er zu ihr trat und sich leicht verbeugte. «Kurator Brennan» sagte sie in einer Stimme, die ihn an die gestrenge Grundschullehrerin seiner Grosskinder erinnerte, «sehen wir uns heute also doch noch…»

«Stiftungsrätin Margareth, bitte entschuldige meine Verspätung. Ich war gerade in einer Besprechung zur neuen Ausstellung, die sich länger hingezogen hat als geplant, und…» – «Der Grund für deine Verspätung tut nichts zur Sache, und tatsächlich interessiert er mich auch nicht, Kurator Brennan. Ich bin heute hier, um mit dir über etwas von weitaus grösserer Tragweite zu diskutieren als deine… nächste Ausstellung».

Er nickte, schluckte leer, sie drehte sich um und schaute hoch zur HoG, wie Brennan und die anderen Museumsmitarbeiter die Heart of Gold nannten. «Das ist sie also» sagte sie. Ja, das ist sie wirklich, dachte er für sich. Das erste interplanetare Raumschiff der Menschheit, das Schiff, das Statler und die anderen Ersten hierher gebracht hatte, das Prunkstück der gesamten Sammlung, zumindest seiner bescheidenen Meinung nach.

«Wir schicken sie wieder hoch, Brennan», sagte sie, den Blick immer noch zur HoG gewandt. Er spürte einen Kloss in seinem Hals, schüttelte den Kopf, räusperte sich. «‹Wir schicken sie wieder hoch›? Was soll das bitte heissen?» brachte er schliesslich heraus. Eine furchtbare Ahnung dessen, was gleich kommen würde, stieg in ihm hoch. Sie hob ihre Hand hoch zum Exponat, berührte sachte, fast andächtig, eine Kachel des antiken Hitzeschutzschilds.

Das Raumschiff war längsseitig aufgestellt, mit dem schwarzen Bauch zum Boden hin und einer leichten Drehung zur Seite, die vorderen Frachttüren weit nach oben geöffnet, der Tesla Roaster am Ende des ausgestreckten Greifarms montiert, gerade so, als hätte Elynore Maye Musk, gesegnet sei ihr Name, höchstpersönlich das Kommando und hätte ihn eben erst wieder eingefangen.

Von allen Seiten führten Plattformen an den Roadster heran, damit die Besucher das Artefakt besser sehen konnten. Eine staunende Schulklasse stand auf der West Eins und wurde von Milas mit gewohnter Intensität instruiert. Darüber spannte sich die Kuppel des Museumsbezirks, dahinter der fahlrote, wolkenlose Himmel.

Die Stiftungsrätin lächelte wieder, etwas wärmer jetzt. «Die Heart of Gold natürlich, zusammen mit dem Roadster, den sie zurückgeholt hat» sagte sie schliesslich. «Meine Leute hier machen sie wieder flugfähig, wir betanken sie, starten sie in den Orbit. Dann docken wir sie in den Frachtraum der Justine. Du hast doch bestimmt von der Justine gehört, Kurator Brennan?»

«Natürlich, Stiftungsrätin, das erste Fusionsschiff…» – «Das erste Fusions-Drohnen-Schiff, das die Stiftung in Richtung Proxima schickt», korrigierte sie ihn, unnötigerweise. Es gab wohl kaum jemanden in den Rängen der Stiftung, der nicht in allen Details über das Projekt informiert war.

Dessen ungeachtet fuhr sie fort. «Da wird niemand an Bord sein, Brennan. Noch nicht. Wir fliegen Drohnen hin, die schauen sich dort ein paar Jahre um, bestätigen, dass die Bedingungen auf dem Planeten wirklich so gut sind, wie die Astronomen behaupten. Wenn dem so ist, kommen die Menschen als nächstes. Vielleicht schon mit der Talulah, auf jeden Fall mit der Amber. Die Justine soll in knapp einem Jahr starten. Wir haben noch etwas über sechshundert Tage.»

Nach dem ersten Schock hatte sich Brennan mittlerweile wieder gefasst. Er hatte im Netz schon von der verrückten Idee gelesen, die HoG zusammen mit dem Roadster auf diese Reise zu schicken, quasi als Botschafter der Menschheit, das alles aber nie ernst genommen. Die Stiftung hatte sich auch nie dazu geäussert, nicht einmal auf seine ausdrückliche Nachfrage hin, was er so interpretiert hatte, dass die Gerüchte jeglicher Grundlage entbehrten und keines Kommentars würdig waren.

«Stiftungsrätin, bei allem Respekt, ist das nicht eine übereilte und, wie soll ich das sagen, auch etwas leichtsinnige Entscheidung? Sicherlich muss die Stiftung doch einsehen, dass das Exponat von höchster, ja unersetzlicher historischer Bedeutung für die Geschichte der marsianischen Zivilisation ist, dass ihm im interstellaren Raum viele Gefahren drohen, dass…»

Sie schüttelte energisch den Kopf, unterbrach ihn dann. «Deine persönliche Meinung ist hier nicht gefragt, Kurator Brennan» – «Ich kann dir versichern, Stiftungsrätin, dies ist auch meine offizielle Meinung als Kurator und Experte der Sammlung Menschliche Frühgeschichte des Historischen Museums des Mars!»

«Auch diese tut, so leid es mir tut, nichts zur Sache. Du bist in dieser Frage befangen, wir verstehen das, und wir haben diese Einwände natürlich genauso von dir erwartet. Dein Einsatz für dieses wahrlich unersetzliche Exponat ehrt dich, Kurator, und bestätigt uns auch darin, dass du die richtige Person für deine Position bist. Ich kann dir auch versichern, wir haben all diese Fragen in angemessener Länge diskutiert, doch die Entscheidung ist bereits gefallen und endgültig.»

«Ich erinnere dich daran, Kurator Brennan, die Heart of Gold, der Roadster, sie alle sind immerwährendes Eigentum der Stiftung. Es ist deshalb an der Stiftung zu entscheiden, was damit geschehen soll, nicht an dir. Die Pentarchie höchstpersönlich hat sich mit der Frage befasst, und die Zwillinge und Drillinge waren sich, nach einiger Beratung, schliesslich einig.»

«Es sei, Zitat, eine ausgezeichnete Idee, die unsere Gemeinschaft erneut für interstellare Raumfahrt zu begeistern vermag, und die in ihrer Leichtherzigkeit, ihrer Gnadenlosigkeit im Ansatz, ihrer Gleichgültigkeit gegenüber allem Etablierten im lodernden Geist der Frühgeschichte der Stiftung und der Firma steht, Zitat Ende.»

Brennan stand da und wusste nicht, was er noch tun, oder sagen sollte. Die Stiftungsrätin trat nun von der HoG weg, kam zu ihm zurück. «Ich bin heute hier, um dich um deine Hilfe zu bitten, Kurator Brennan. Du bist, wie du gerade selbst erwähnt hast, unser Experte für die Frühgeschichte unserer Zivilisation. Um die Heart of Gold wieder in Stand zu setzen, brauchen wir Pläne, Manuale, Ersatzteile, alles was du finden kannst.»

Sie trat jetzt nahe an ihn heran, reichte ihm dabei nicht einmal bis zur Höhe der Brust. Ihre kleinen grauen Augen blickten zu ihm hoch, nicht unfreundlich, aber unerbittlich. «Du kannst meine Arbeit hier einfach oder schwer machen, aber ich verspreche dir, mit oder ohne deine Hilfe ist die Heart of Gold in sechshundert Tagen im Orbit. Die Frage ist einzig, ob du danach immer noch Kurator hier bist.»

Brennan spürte jetzt förmlich, wie seine Wut mit jedem ihrer Worte stieg. Nicht nur, weil er übergangen worden war, weil seine Meinung offenbar nichts zählte, nein, jetzt wurde er auch noch erpresst, sollte auch noch mitwirken bei diesem verrückten, zerstörerischen Plan, oder sonst.

«Du verstehst natürlich, was ich damit meine: wenn du dich hier einsetzt, und die Heart of Gold zusammen mit dem Roadster intakt den Orbit erreicht, dann kann ich mir gut vorstellen, dass du zu den ersten Tausend gehören wirst, die auf der Talulah nach Proxima fliegen. Die neue Siedlung auf Proxima wird ein Museum brauchen, und dieses Museum braucht fähige Kuratoren – wie dich.»

Sie lächelte jetzt breiter, die Anspannung hatte sich von ihrem Gesicht gelöst, ihre Augen leicht glänzend, «dann könntest du dort in ein paar Jahrzehnten den Roadster, in der Heart of Gold, in der Justine ausstellen! Stell dir das einmal vor!»

Doch Brennan wollte nicht. Ihm wurde es jetzt endgültig zu viel, alles war zu viel. Zu viel verfluchte Leichtherzigkeit, zu viel verdammte Gnadenlosigkeit im Ansatz, und ja, zu viel elende Gleichgültigkeit gegenüber dem Etablierten.

«Du kannst mich mal!» entfuhr es ihm jetzt, was die Stiftungsrätin zusammenzucken liess, «du, und die ganze verfluchte Stiftungs-Bande mit euren hohlarschigen Pentarchie-Halbgöttern in der Cloud! Ich will nicht nach Proxima, nicht auf der Talulah, nicht auf der Amber, nicht einmal der verfalkten, ah, Megan! Raus, raus mit dir und deinen hirnlosen Lakaien aus meinem Museum, lass dich hier nie mehr blicken!»

Sein Schrei hallte durch die weite Kuppel, das Gemurmel der Besucher war erstorben, selbst Milas hatte seine Ausführungen unterbrochen und die gesamte Schulklasse blickte mit grossen Augen zu ihnen hinunter. Die Stiftungsrätin war erstarrt, ihr Lächeln verflogen. Es hatte einem harten, grauen Gesicht Platz gemacht.

«Blasphemie, Kurator Brennan? Wirklich? Ich muss zugeben, das hätte ich jetzt nicht von dir erwartet. Widerstand, Argumente, kritische Fragen, ja. Doch diese Stiftung steht für Werte ein, Kurator Brennan, und diese Werte, dieses Andenken an die Gründungszeit unserer Zivilisation halten wir hoch, so antik sie Aussenstehenden auch erscheinen mögen. Als Kurator dieses Museums bist auch du ein Botschafter der Stiftung – und ihrer Werte.»

«Da du diese Werte, offensichtlich, nicht mehr vertreten kannst, muss ich deine Anstellung hier, leider, mit sofortiger Wirkung beenden.» Sie zögerte kurz, seufzte tief, zückte dann ein Pad aus ihrer Brusttasche, tippte darauf herum. «Brennan, du stehst dem Fortschritt im Weg. Du stehst der Stiftung im Weg. Du stehst dir selbst im Weg. Du machst die Arbeit deiner Mitbürgenden schwerer, verschwendest knappe Ressourcen. Und warum?»

Sie blickte auf, tippte ein letztes Mal energisch auf ihr Pad, liess es dann zurück in die Brusttasche gleiten. «Du überhöhst dich selbst. Du glaubst, dass deine Meinung wichtiger sei als jene des Kollektivs, ja sogar der Pentarchie, die uns seit Anbeginn unserer Geschichte auf diesem Planeten lenkt. Nun denn, Bürger Brennan, lebe wohl. Ich nehme an, du weisst, wo der Ausgang ist.»

Ein tadelnder Blick, eine Sekunde nur, dann drehte sie sich um zu ihren Begleitern, die bisher stumm im Hintergrund gestanden hatten, nickte ihnen auffordernd zu. «An die Arbeit. Die Justine wartet nicht auf uns!»

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