Die NASA will in fünf Jahren wieder Menschen auf dem Mond landen

Orion Raumkapsel
Die Orion-Raumkapsel, versorgt vom europäischen Service-Modul, fliegt auf der ICPS-Oberstufe Zielen jenseits der Erdumlaufbahn entgegen (Quelle: NASA).

In einem Punkt hat Mike Pence, der gegenwärtige Vize-Präsident der USA, sicher recht: was die NASA in den letzten fünfzehn Jahren in Sachen Schwerlast-Rakete und Raumkapsel gewurstelt hat, ist inakzeptabel. Fast 50 Milliarden Dollar (!) wurden bisher ausgegeben für eine Rakete (die heute SLS heisst, was für „Space Launch System“ steht), die noch nie geflogen ist, und eine Raumkapsel (die heute Orion heisst), die in einer abgespeckten halbgaren Version ein einziges Mal – und natürlich ohne Besatzung – im All war. Vergleicht man das mit den 1960er Jahren, als die NASA aus praktisch dem Nichts innerhalb eines Jahrzehnts ein ganzes Mondprogramm mit sechs besatzten Landungen erfolgreich durchgezogen hat, ist diese Bilanz mehr als mager.

Das geht sogar soweit, dass man heute nicht mal mehr Zyniker sein muss, um zu vermuten, dass die beiden Luft- und Raumfahrtkonzerne Boeing und Lockheed Martin, welche das SLS beziehungsweise die Orion entwickeln, gar kein echtes Interesse haben, die beiden Mammut-Projekte bald abzuschliessen: ihre selbstdeklarierten „Entwicklungskosten“ werden ihnen nämlich vom Steuerzahler (via NASA) vollständig vergütet, mit einem von vorn herein festgelegten Bonus obendrauf („Cost plus“ heisst dieses Modell, das noch aus der Zeit des Apollo-Projektes stammt). Dass es unter diesem System für die Firmen keinen Anreiz gibt, das Projekt schnell abzuschliessen, versteht sich von selbst. Zudem wurde beim SLS gesetzlich vorgeschrieben, dass bei diesem die Technologie des Space Shuttles verwendet werden muss. Vorgeblich, um Entwicklungskosten zu sparen – tatsächlich aber wohl eher, um die zehntausenden von Raumfahrtsjobs zu sichern, die an genau diesen Technologien hängen.

Nun scheint sich in Washington angesichts dieser ungesunden Situation zunehmend Frustration auszubreiten. Pence, ein bekennender Fan der Weltraumfahrt, hatte noch 2017 stolz verkündet, die USA würden sich nun wieder auf die Rückkehr von Menschen zum Mond fokussieren. Zunächst wollte man bis 2024 eine kleine Raumstation in der Mondumlaufbahn bauen (Lunar Orbital Platform – Gateway (LOP-G) oder einfach nur Gateway genannt), dann, bis 2028, auch wieder Menschen auf dem Mond landen. Dass diese Daten mit künftigen Wahljahren des Präsidenten zusammenfallen, ist wohl kaum ein Zufall: würde Donald Trump im November 2020 wiedergewählt, wäre er bis 2024 im Amt, und würde er darauf hin z.B. von Pence abgelöst, so könnte dieser 2028 einen Erfolg vorweisen, der (so die Hoffnung) seine eigene Wiederwahl befeuern würde.

Doch nun ist auch das nicht mehr schnell genug. Am 26. März hielt Pence eine Rede in einem Museum in Alabama, in dem er die langsame Entwicklung des SLS und der Orion anprangerte. Wie ist es möglich, fragte er, dass die NASA vor 50 Jahren gerade mal 8 Jahre brauchte, um einen Menschen auf dem Mond zu landen, während es heute ganze 11 Jahre dauern soll? (er meint die Zeit zwischen 2017 und der anvisierten Landung 2028) Das sei schlicht „nicht gut genug“. Deshalb brauche die NASA ein ambitionierteres Datum – und nannte als neues Ziel die Landung von Amerikanern (und ihren internationalen Partnern) auf dem Mond bis zum Jahr 2024. Das liegt, wie ein Blick auf den Kalender zeigt, nur fünf Jahre in der Zukunft. Ist das realistisch?

Zunächst einmal: so recht Pence mit seiner Kritik an der schleichenden und teuren Entwicklung von SLS/Orion hat, der Vergleich zwischen den 1960er Jahren und heute hinkt. In den besten Tagen des Apollo-Projekts hatte die NASA rund 4% des gesamten Budgets der USA zur Verfügung – heute ist es nicht einmal ein halbes Prozent. Kostenexplosion und jahrelange Verschleppung von komplexen Projekten ist ein Problem, das die gesamte NASA betrifft, beschränkt sich also nicht einmal auf die besatzte Weltraumfahrt: da ist zum Beispiel das Weltraum-Teleskop JWST (James Webb Space Telescope), ein teilweiser Hubble-Nachfolger-Teleskop, dessen Kosten von ursprünglich 300 Millionen Dollar auf heute fast 10 Milliarden Dollar explodiert sind.

Das liegt nicht nur an „Cost plus“, sondern auch daran, dass sich die NASA in den letzten Jahrzehnten von einer jungen, dynamischen Organisation, die auch bereit war, Risiken einzugehen, in eine bürokratische, primär sicherheitsorientierte Organisation verwandelt hat. Das hat man auch in Washington erkannt – Pence sagte sinngemäss, wenn die NASA und ihre industriellen Partner (gemeint sind hier vor allem Boeing und Lockheed Martin) nicht liefern können, dann müssen wir uns eben nach neuen Partnern umsehen, die das können. Und damit meinte er ziemlich offensichtlich die neuen, kommerziellen Raumfahrtfirmen wie Elon Musks‘ SpaceX und Jeff Bezos‘ Blue Origin. Ein paar Tage nach dieser Rede meinte dann auch Jim Bridenstine, der gegenwärtige Administrator der NASA, dass man studiere, ob man die Orion auf der Spitze einer Falcon Heavy (der Schwerlastrakete von SpaceX) zum Mond schicken könnte.

Das ist technisch anspruchsvoll (so ist zum Beispiel die Boden-Infrastruktur, welche die Falcon Heavy vor dem Start versorgt, nicht dafür ausgelegt, auch noch eine Orion, ein Service-Modul sowie die Wasserstoff/Sauerstoff-betriebene Oberstufe ICPS zu versorgen), aber wenn SpaceX da mitmacht, ist eine solche „Frankenstein-Rakete“ nicht völlig ausgeschlossen (auch die Mondrakete Saturn V war eine „Frankenstein-Rakete“ in dem Sinn, dass jede Stufe von einer anderen Firma gebaut wurde). Allerdings hat man dann nur eine Orion in einer Mondumlaufbahn, und noch keine „Stiefel auf der Oberfläche“, wie Pence gerne sagt. Der „Gateway“, an dem die Astronauten Zwischenstation machen sollen, existiert bisher nur auf dem Papier, und es ist unklar, ob dieser 2024 wirklich gebaut und benutzbar ist. Ein Lander, der die Astronauten vom Gateway zur Oberfläche bringen würde, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch kaum angedacht. Allerdings hat die NASA vor kurzem ein „Request for Proposals“ veröffentlicht, in dem sie ihre kommerziellen Partner bittet, Vorschläge einzureichen, wie man die Mondoberfläche vom Gateway aus erreichen könnte.

Wenn der Pence/Trump-Plan für eine Rückkehr von Menschen zum Mond bis 2024 gelingen soll, dann muss es jetzt sehr schnell gehen – und vor allem müsste der US-Kongress die entsprechenden Gelder sprechen. Das Weisse Haus kann das Blaue vom Himmel versprechen – wenn der Kongress die Pläne nicht finanziert, können sie nicht umgesetzt werden. Das haben bereits andere US-Präsidenten erfahren müssen, so etwa George H. W. Bush („Senior“), der auch zurück zum Mond und dann zum Mars wollte. Die 400 Milliarden, die das Programm gekostet hätte, überzeugten den US-Kongress nicht und das Projekt versank sang- und klanglos in der Schublade. Im aktuellen Fall spricht man bereits von mehreren Milliarden Dollar pro Jahr, um die das NASA-Budget (heute ca. 21 Milliarden Dollar pro Jahr) aufgestockt werden müsste, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, die Zielvorgabe 2024 zu erreichen. Doch da es bisher keinen klaren Plan gibt, wie das Ziel erreicht werden soll, ist auch nicht klar, wie viel das Ganze kosten wird. Klar ist nur, dass es teuer wird, selbst wenn man auf kommerzielle Anbieter setzt.

Ich bezweifle, dass diesem Projekt gelingen wird, was seinen zahlreichen Vorgängern verwehrt bliebt: nämlich der NASA wieder eine klare Richtung und einen klaren, in absehbarer Zeit umsetzbaren Auftrag zu geben. Zu polarisiert ist die Politik in den USA gegenwärtig, zu wenig wichtig erscheint das Projekt in der politischen Landschaft, angesichts der unzähligen anderen Probleme, die die Menschen in den USA heute beschäftigen, wie z.B. Arbeitslosigkeit, fortschreitende Umweltzerstörung, teure Krankenkasse oder hohe Ausbildungskosten. Die USA sind in vieler Hinsicht nicht mehr das progressive und wohlhabende Mittelklasse-Land, das sie in den 1960er Jahren waren. Die Ausrichtung des Projekts an Wahljahren (2020, 2024, 2028…) lässt auch vermuten, dass das ganze wohl kaum nachhaltig wäre – denn wenn die neue Mondlandung vor allem für Wahlkampf-Zwecke genutzt wird, erschöpft sich ihre Nützlichkeit nach der Wahl – und der neue Präsident, der nicht Trump und auch nicht Pence heissen muss, könnte auch ganz andere Prioritäten haben. Obwohl Pence auch davon spricht, dass die Astornauten eine Basis-Station auf dem Mond errichten sollen – ohne Budget, ohne Plan, ohne breite Unterstützung von Politik und Öffentlichkeit bleibt das alles Wunschdenken.

Und was denkst du? Stehen 2024 wieder Menschen auf dem Mond? Schreib es unten in die Kommentare!

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