Sep 06 2010

Nahezu unbegrenzt

In Diskussionen rund um die Atomenergie taucht öfters mal die Frage auf, wie lange der Brennstoff Uran denn überhaupt noch reicht. Die Antwort ist überraschend.

Die Lösung aller Energieprobleme

Die Lösung aller Energieprobleme

Man kann zur Atomenergie stehen wie man will, aber Diskussionen dazu sollten – wie in allem – auf der Basis von Fakten geführt werden. in Diskussionen um ihre zukünftige Rolle bei der Energieversorgung taucht oft die Aussage auf, die Uran-Vorräte seien sehr begrenzt, und wären bei heutigem Verbrauch innerhalb der nächsten 100 Jahre erschöpft (die sogenannte “strategische Reichweite”). Da Uran heute etwa 10% Anteil an der Primärenergie habe, würden bei einem kompletten Umstieg auf Atomenergie die Vorräte bereits in 10 Jahren erschöpft sein, womit es schlicht keinen Sinn mache, über eine grössere Rolle der Atomenergie nachzudenken.

Diese Aussage (und somit auch die Schlussfolgerung) ist falsch. Zunächst einmal, was in dieser Rechnung unerwähnt bleibt, ist die geradezu haarsträubende Ineffizienz heutiger Atomkraftwerke. Von dem in heutigen Reaktoren genutzten angereicherten Uran wird nur etwa 4% wirklich gespalten (fast ausschliesslich Uran-235), bevor die produzierten Spaltprodukte eine weitere Nutzung des Brennstabs unmöglich machen. Die Wiederaufbereitung setzt dort an, es wird versucht, durch chemische Entfernung von Spaltprodukten die Effizienz noch etwas zu erhöhen, aber selbst mit Wiederaufbereitung wird höchstens nochmals rund 25% mehr Energie aus dem Brennstab herausgeholt, der Rest des Urans wird heute als radioaktiver Abfall entsorgt. Es gibt jedoch Reaktordesigns, die sehr viel effizienter arbeiten. Wenn mit “schnellen Neutronen” gearbeitet wird, kann man bis zu knapp unter 100% des Urans im Brennstab spalten und nutzen (sogar heutige radioaktive Abfälle könnten so – unter Energiegewinn – zerstört werden). Das heisst, alleine durch Umrüstung aller bestehenden Atomkraftwerke könnte man die strategische Reichweite von Uran um den Faktor 25 strecken, auf rund 2500 bzw 250 Jahre (wenn man wieder von der Verzehnfachung der Produktion ausgeht). Bei diesem Typ von Atomkraftwerken stellt sich auch die Abfallfrage nicht: sie produzieren keine langlebigen Transurane wie heutige Reaktoren, sondern fast nur Spaltprodukte mit einer Halbwertszeit von typischerweise 30 Jahren.

Zweitens transportiert die eingangs erwähnte Rechnung die “Warenlager”-Vorstellung natürlicher Rohstoffe, wonach es eben eine ganz bestimmte, abzählbare Menge eines Rohstoffs draussen in der Natur gäbe, der, wenn er einmal angezapft wird, eine bestimmte Zeit lang anhielte und sich dann schlagartig erschöpfe. In Wahrheit hat die Erde natürlich sehr viel mehr Uran als jenes, das heute in die Berechnung der strategischen Reichweite eingeht. So ist Uran in der Erdkruste rund 500 Mal häufiger als Gold. Typisches, durchschnittliches Krustengestein der Erde hat eine Uran-Konzentration von etwa 1.8 ppm (Teilchen pro Million), so dass allein in der Erdkruste (bei durchschnittlich 20 km Tiefe, Dichte 2.8 g/cm^3) etwa 50 Billionen Tonnen Uran lagern sollten. Aber natürlich brauchen wir keine Gesteine aufzuschmelzen, um Uran zu gewinnen: Durch natürliche Prozesse werden seltene Elemente in Erzen angereichert, so auch Uran, üblicherweise in der Form von Uranoxid. Je nach dem, wie lange und wie intensiv dieser Konzentrations-Prozess im Gange ist, kann die Konzentration von Uran in einem Uranerz wie Pechblende auf bis zu rund ~25% ansteigen.

Beim Abbau von Uran konzentriert man sich dann natürlich zuerst auf diejenigen Erze, die das beste Produkt von Konzentration und Häufigkeit liefern. Je seltener und Uran-ärmer ein Ausgangsmaterial ist, desto höher sind die Kosten für den Abbau. Astronomisch teuer – aber trotzdem technisch grundsätzlich machbar – wäre der Abbau aus einem beliebigen Krustengestein (dass man nicht soweit gehen muss: siehe unten). Das heisst, je nachdem, welchen Preis man für Uran erhält, lohnt sich der Abbau eines bestimmten Erzes – oder eben nicht. Die noch nicht angetasteten, heute bekannten Vorräte (sog. “Reserven”) der Uran-Minen, die beim heutigen Uran-Preis noch wirtschaftlich arbeiten, sind deutlich kleiner als die Reserven, die bei, sagen wir, einem doppelt so hohen Preis wirtschaftlich würden. Je höher der Preis, desto mehr Uran kann dafür abgebaut werden. Man würde einfach auf immer “schlechtere” Uran-Erze zurück greifen.

Da das Uran eine enorme Energiedichte hat (mit zwei Kilogramm Uran-235 lässt sich bei vollständiger Spaltung der komplette Lebensenergiebedarf eines Menschen auf westeuropäischem Niveau abdecken – das entspricht rund 6000 Tonnen Kohle!), braucht ein Atomkraftwerk nicht besonders viel davon, um grosse Mengen Strom zu produzieren. Aus diesem Grund machen die Kosten des Urans – im Gegensatz zu, sagen wir, den Kohle-Kosten bei einem Kohlekraftwerk – nur einen winzigen Teil der Kosten des in Atomkraftwerken produzierten Stroms aus. Das heisst, der Uranpreis könnte auch explodieren, ohne dass deswegen die Stromkosten merkbar steigen würden.

Doch der Uranpreis wird niemals wirklich explodieren, und wir werden auch niemals Krustengesteine aufschmelzen müssen, um an Uran zu kommen. Der Grund dafür ist, dass grosse Mengen Uran im Meerwasser gelöst sind. Die Konzentration beträgt zwar nur etwa 3.3 Milligramm pro Kubikmeter. Über alle Ozeane ist das so viel (rund 1.3 Milliarden Kubikkilometer Wasser -> 4.3 Milliarden Tonnen Uran), dass es alle realistisch nutzbaren Reserven an Land um ein Vielfaches übertrifft. Teilt man diese Menge durch den gegenwärtigen Verbrauch von rund 50000 Tonnen jährlich, könnten die heutigen Kraftwerke (trotz Ineffizienz) für die nächsten 86000 Jahre* betrieben werden. Allerdings vernachlässigt diese Rechnung die Tatsache, dass die Erosion Krustengesteine abträgt und die Flüsse somit ständig weiteres Uran in den Ozean befördern. Pro Jahr sind das etwa 7 Milliarden Tonnen Gestein, oder, bei 1.8 ppm (1800 ppb) Uran im Gestein, 12600 weitere Tonnen.

Die Kosten für die Entnahme aus dem Wasser betragen etwa 300 US$ pro Kilogramm. Das heisst, wenn der Uran-Preis erst einmal auf diese Höhe gestiegen ist (heute beträgt er 100-150 $/kg), wird er nicht mehr weiter steigen, sondern für zehntausende von Jahren ungefähr auf dem dannzumaligen Äquivalent von 300$/kg stagnieren (bei grösserem Bedarf tritt keine Verknappung ein, weil man einfach eine weitere Extraktionsanlage bauen kann).

Die Nutzung der Atomenergie wirft sicher viele Fragen auf – die Frage nach der strategischen Reichweite von Uran zumindest hat eine einfache und klare Antwort: Nahezu unbegrenzt.

* [i]An dieser Stelle stand zunächst “86 Millionen Jahre”.[/i]

[i]Update: Hier noch einige zusätzliche Links zu neueren Entwicklungen betreffend der Extraktion von Uran aus dem Ozean:[/i]

Abstract zum “Current Status of Uranium Extraction from Seawater”

Nextbigfuture.com-Artikel zum Thema

58 Kommentare

  • By heraklit, 7. September 2010 @ 00:40

    Bereits die Lagerbestände an abgereichertem Uran v.a. in den USA würden für jeden absehbaren Zeitraum reichen, wenn die kommerzielle, Nutzung von schnellen Reaktoren gelänge,
    könnte man weitere Uranförderung soforteinstellen. Außerdem sind Phosphate, die für Düngemittel gebraucht werden oft reich an Uran, das dann als Nebenprodukt nutzbar werden könnte.

    Ich lehne Atomkraft eigentlich ab,
    weil auch kurzlebige Abfälle in die Biosphäre entweichen werden, z.B. bei der Wartung der Reaktoren-
    aber es ist kaum vorstellbar dass die Menschen eine so kompakte Energiequelle auf Dauer ungenutzt lassen werden.

  • By Alex, 7. September 2010 @ 12:57

    Ich nehme mal an daß dieser Kommentar-Thread wohl zu einer Diskussion über Pro und Kontra mutieren wird.
    Letztlich wird es in den Zeiten der kommenden Energiekrise eine Frage des kleineren Übels sein: Jede nur denkbare Energiequelle nutzen oder die Konsequenzen des Peak Oil in vollem Umfang zu spüren bekommen; und die aktuellen Studien hierzu warnen eindringlich vor dem Zusammenbruch der westlichen Demokratien. Man darf auch nicht vergessen daß so etwas wie Tschernobyl in modernen Kraftwerken überhaupt nicht passieren kann, selbst dort mußten sich die Techniker während eines Probelaufs über mehrere Sicherheitsbestimmungen hinwegsetzen, was erst zur Katastrophe führte. Die Angst vor Kernenergie ist meiner Meinung nach daher vollkommen unbegründet.

  • By heraklit, 7. September 2010 @ 13:08

    Ich habe nur vermeiden wollen, dass ein falscher Eindruck
    von mir entsteht. Ich bin mir bewusst, dass es hier um die strategische Reichweite des Urans geht und nicht um das Für und Wieder der Atomkraft. Pro MJ ist Uran mehr als 1000 mal preiswerter als Kohle. Am Rohstoff wird die Wirtschaftlichkeit also nicht scheitern.

    Eine Frage am Rande: Die 300$ für die Gewinnung aus dem Meerwasser, beziehen die sich auf Natururan, angereichertes oder reines U235?

  • By Bynaus, 7. September 2010 @ 13:23

    Ja, ich würde es begrüssen, wenn das kein Pro- und Kontra-Kommentarstrang werden würde. Ich bitte diesbezüglich noch etwas um Geduld… :)

    Die 300$ sind die reinen Förderungskosten für das Uran(oxid), in unangereicherter Form. So lässt es sich mit den Förderungskosten von Natururan vergleichen.

  • By Seth Steiner, 7. September 2010 @ 15:24

    Danke für die Aufklärung, das ist ja wirklich interessant zuwissen. Inwiefern Atomenergie nun richtig ist oder wie lang sie betrieben werden sollte, das ist aber wirklich ein anderes Thema, da kann ich mich auch nur anschließen.

  • By Amen, 8. September 2010 @ 01:36

    Atomenergie ohne radioaktiven Abfall? Ist das wirklich möglich? Habe ich bis dato noch nie gehört!
    Bei den bisherigen Atommüll soll es sich ja hauptsächlich
    um \”abgewrackte\” Kraftwerke handeln, wäre das bei \”schnellen Neutronen\” auch der Fall?

    Danke für die Antwort.

  • By Bynaus, 8. September 2010 @ 11:06

    Wie gesagt, keine langlebigen (zehntausend Jahre plus) Abfälle, und deutlich geringere Abfallmengen (Faktor ~100). Bei jeder Kernspaltung entstehen jedoch Spaltprodukte, eben die \”Bruchstücke\”, in die der Atomkern gespalten wurde. Einige davon sind stabil, aber gewisse sind es nicht. Dazu gehören Cäsium-137 und Strontium-90. Diese Spaltprodukte haben jedoch Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Das \”Abklingen\” dieser Abfälle geschieht also in einem einigermassen überschaubaren Rahmen von wenigen Jahrhunderten. Dafür braucht man zumindest keine Tiefenlager, die für zehntausende von Jahren hermetisch abgeriegelt bleiben müssen.

    Beachte auch, dass ich hier nur von den \”hochradioaktiven\” Abfällen spreche, also die Brennstäbe. Teile von abgewrackten Kraftwerken, Geräte, Werkzeuge etc, also all die schwach- bis mittelradioaktiven Abfälle, gäbe es dann natürlich immer noch, aber je nach dem, welchen technischen Weg man letztlich wählt, gibt es auch hier einige Verbesserungsmöglichkeiten.

    So, und jetzt zurück zum Thema.

  • By heraklit, 8. September 2010 @ 14:06

    Denkbar wäre es auch Uran aus der Asche von Pflanzen oder Pilzen zu gewinnen, mit denen man auch gleich durch Haldenabfälle oder Lösungsbergbau kontaminierte Landstriche sanieren könnte.

  • By Bynaus, 8. September 2010 @ 14:46

    Mag sein, aber ich bezweifle, dass man damit mit dem Meer mithalten kann…

  • By Amen, 8. September 2010 @ 22:10

    Über was wollen wir hier eigentlich diskutieren? Das Uran wird nahezu unbegrenzt reichen! Hast Du ganz klar herausgearbeitet. \”Schnelle Neutronen\” machen allem Anschein nach Sinn, das hast Du auch festgestellt.
    Also worüber sollen wir noch diskutieren?

  • By Bynaus, 8. September 2010 @ 22:31

    Nun, vielleicht gibt es nichts zu diskutieren… Mein \”zurück zum Thema\” war nicht als barsche Zurechtweisung gedacht, ich will bloss verhindern, dass hier am Ende nur über pro und contra der Atomenergie diskutiert wird…

  • By Revan, 9. September 2010 @ 10:27

    Hervorragender Artikel, ich finde deine Analyse sehr interessant und äußerst erfreulich den sie macht Hoffnung was die Zukünftige Energieversorgung angeht. Die Frage des Pros und Contra ist in Prinzip sowieso ein rein Deutsches Thema oder sagen wir eher gesagt eine deutsche Macke, denn die ganze sonstige Welt stellt sich das Problem Atomausstieg zum Glück erst gar nicht, z.b machte erst kürzlich Schweden den Ausstieg wieder Rückgängig. China wiederum baut nur mahl eben ca. 60 Kernkraftwerke auf einen Schlag die USA haben auch wieder mit den Bau von Zivilen AKWs begonnen, militärische werden sowieso (für SSNs, SSBNs, CVNs) jedes Jahr gebaut und auch andere Nationen wie Japan, Indien, Russland, Frankreich usw. bauen AKWs ebenfalls in Innen und Außen in großer Zahl, ergo Grüne Ideen gingen an der Welt einfach vorbei und ich frage mich wie lange es dauern wird biss auch den Deutschen endlich ein Licht da aufgeht.

    Z.b hat man nun auch Mine Reaktoren (10-27 MW) in der Entwicklung wie den Hyperion-Hydrid-Reaktor dieser könnte Atomkraft zur einer der billigsten und effektivsten Energieformen überhaupt machen und er währe bei einen massiven Ausbau in jeder Mittleren Gemeinde zu finden, fast der Atomreaktor fürs Eigenheim. Sollte also nicht die Kontrollierte Fusion gemeistert werden so sehe ich für Atomkraft eine große Zukunft und da mögen Grüne noch so lange heulen und Steine werfen.

  • By heraklit, 9. September 2010 @ 13:57

    Der Artikel ging ja, sicher bewusst, von der konservativen Annahme aus, dass bis in alle Ewigkeit heutige Leichtwassereaktoren benutzt werden würden. Wenn aber Travelling-Wave Reaktoren, Flüssigsalzkraftwerke etc. den Durchbruch schaffen, schlage ich vor zunächst Uran, Plutonium, Transurane aus vorhandenen
    \”abgebrannten\” Brennelementen zu nutzen, dazu Waffenplutonium aus verschrotteten Bomben, gegen eine Reduktion der Gesamtmenge des Atommülls hat wohl niemand etwas einzuwenden, und danach wird die Diskussion, ob es verantwortlich ist, fast ungefährliches Natururan in gefährlichere Stoffe umzuwandeln neu beginnen.

  • By Bynaus, 9. September 2010 @ 15:05

    Nun, wenn du Travelling-Wave Reaktoren, Flüssigsalzkraftwerke etc. hast, brauchst du ungefährliches Natururan gar nicht in gefährlichere Stoffe umzuwandeln. Jeder Reaktor, der radioaktive Abfälle von Leichtwasserreaktoren transmutieren kann, kann auch Natururan oder Thorium verbrennen.

    Aber ja, das Beispiel war natürlich absichtlich konservativ gewählt. Aber man könnte ja auch sagen, dass die Reaktoren zehn Mal effizienter arbeiten, dafür zehn mal mehr davon gebaut werden – dann würde es bei den genannten 86 Millionen Jahren bleiben.

  • By heraklit, 9. September 2010 @ 15:21

    Mit Umwandeln meinte ich: in die Spaltprodukte, beim Verwerten von vorhandenen Abfall wäre das ja zu vertreten,
    aber neuen Atommüll zu schaffen ist etwas anderes.

    Und bei 86 Millionen Jahren macht sich bald schon, wenn auch marginal der natürliche Zerfall, bzw. die Verschiebung des Isotopenverhältnisses bemerkbar, die die Kosten für Anreicherung und damit die Wirtschaftlichkeitsschwelle erhöht, hast du das mit eingerechnet?

  • By Bynaus, 9. September 2010 @ 15:58

    Ich meinte aber: wennman die Reaktoren, die den radioaktiven Abfall transmutieren können, einmal gebaut hat, wird man dann, wenn kein Abfall aus der Leichtwasserreaktor-Ära mehr übrig ist, wohl kaum zu den Leichtwasserreaktoren zurückkehren, nicht? Die Reaktoren, die du erwähnst, hinterlassen keine langlebigen radioaktiven Abfälle.

    Nun, die 86 Millionen Jahre zeigen auf jeden Fall, dass die strategische Reichweite von Uran sehr viel grösser ist als von Atomenergiegegnern (etwa Greenpeace) angegeben. Ich denke, dass die Verschiebung des Uran-Verhältnisses kaum eine grosse Auswirkung hätte – ja, man müsste nach 86 Mio Jahren etwas länger anreichern. Aber viel wichtiger dürfte bis dahin die abnehmende Konzentration von Uran im Meerwasser sein. Was übrigens noch gar nicht zur Sprache kam: die Flüsse bringen kontinuierlich zusätzliches Uran ins Meer, was den Vorrat natürlich wieder streckt.

  • By Antidogmatiker, 10. September 2010 @ 00:10

    \”Die Reaktoren, die du erwähnst, hinterlassen keine langlebigen radioaktiven Abfälle.\”

    Das stimmt so nicht ganz:

    en.wikipedia.org/wiki/Nuclear_transmutation#Long-lived_fission_products

    Allerdings werden die nichttransmutierbaren Spaltprodukte entweder nur in geringen Mengen gebildet oder sind schwer löslich und somit unproblematisch.

    Wie sieht es eigentlich mit den Thorium-Reserven aus?

  • By Bynaus, 10. September 2010 @ 13:01

    Ja, richtig – in kleinsten Mengen haben wir dann immer noch langlebige Radioisotope. Aber kleinere Mengen sind wohl eher zu handhaben als grosse – vielleicht könnte man die nicht-transmutierbaren Reste alle paar Jahrzehnte in die Sonne schiessen, oder so (ein sicherer Zugang zum Weltraum vorausgesetzt).

    Die Thorium-Reserven an Land sind grösser als jene von Uran: Thorium ist rund drei Mal häufiger in der Erdkruste als Uran, oder etwa gleich häufig wie Blei. Dafür kommt es im Meer praktisch nicht vor (0.00004 ppb vs 3.3 ppb für Uran).

  • By heraklit, 10. September 2010 @ 15:09

    Andere Quellen sprechen von 1.4 Milliarden km^3 Volumen des Ozeans, müssten also 1,4*10^18t
    sein, also enthält der Weltozean 4.3 Milliarden Tonnen Uran.
    Übersetzungsfehler?
    Auch die deutsche Wikipedia spricht von 4 Milliarden Tonnen im Meerwasser, leider konnte ich auf der als Quelle angegebenen Seite atomenergie.ch nichts dazu finden.

  • By Bynaus, 10. September 2010 @ 17:54

    Oh my, das ist peinlich. Ja, du hast recht – vielen Dank fürs genaue Nachrechnen, ich war tatsächlich von 1300 Milliarden Kubikkilometern Wasser ausgegangen…

    Ich werde das gleich korrigieren! Hier für alle zum Nachvollziehen: 1.4*10^9 km^3 Ozean. 1 km^3 = 1*10^9 m^3. 1 m^3 = 1 Tonne Wasser. Also 1.4*10^18 Tonnen Wasser (richtig gerechnet). 3.3 ppb = 3.3*10^-9, also 4.3*10^9 Tonnen Uran. Dann sind es \”nur\” noch 86000 Jahre Reichweite.

    Allerdings… – siehe korrigierten Artikel.

  • By heraklit, 10. September 2010 @ 22:53

    O ha, jetzt bin ich stolz auf mich… :)

  • By UMa, 11. September 2010 @ 10:44

    Heraklit hat recht, 4 Milliarden Tonnen sind richtig. Ein billion-Milliarde-Fehler.

    Der heutige Verbrauch ist 68000 Tonnen, 50000 Tonnen ist die Förderung.

    Das Uran im Meer würde bei heutigem ineffizienten Verbrauch ca 60000 Jahre reichen, bei 10 fachen Verbrauch 6000 Jahre. Die 4% Ausnutzung ist wohl für angereichertes Uran. Da noch abgereichertes Uran übrig bleibt, ist sie insgesamt niedriger. Durch das effizientere System könnte man ca. das 30 bis 60 fache der Energiemenge herausholen.
    Das wären dann ca 2-3 Mio Jahre beim heutigen Verbrauch und 200000 bis 300000 Jahre beim 10fachen Verbrauch.

    Die oftmals angegeben Reserven oder Resourcen sind meist viel zugering, da von einem Preis von 40$/kg (oder bestenfalls 130$/kg) ausgegangen wird.
    Erst bei ca. 1000$/kg beim ineffizienten Verbrauch bzw. 30000-60000$/kg bei effizienten wäre der heutige Kohlepreis erreicht.

    Interessant wäre der natürliche Zu- und Abfluss ins und vom Meer. Dazu habe ich bisher überhaupt nichts gefunden.

    Wollte man den Energiebedarf der Menschheit bei 10 Millarden Menschen auf dem Niveau der EU/USA (100TW) damit decken wären es inetwa der 100 fache Verbrauch und die Reichweite des Urans im Meer wäre 600 Jahre (ineffizient) bzw 20000 bis 30000 Jahre (effizient).

    Dem gegenüber sind z.B. die He-3 Vorräte auf dem Mond viel kleiner und deren Erneuerung durch den Sonnenwind vernachlässigbar.

    Noch viel kleiner sind die Vorräte an fossilen Brennstoffen (größtenteils Kohle), selbst wenn man die Ressourcen mitzählt.

    Bei obigem Energiebedarf von 100TW wären sie nach 190 Jahren aufgebraucht (die Reserven schon nach 11 Jahren), doch wir sollten wegen des Klimas den weitaus größten Teil davon im Boden lassen.

  • By Bynaus, 11. September 2010 @ 11:21

    Vielen Dank auch dir, UMa, für diese Präzisierungen. Ich habe das nun noch um eine Information zu den Flüssen ergänzt. Allerdings versuche ich noch, eine gute Quelle für die Menge des erodierten Gesteins zu finden.

    Es zeigt auf jeden Fall: wenn wir das Uran effizient nutzen würden, könnten wir es allein aus Flüssen beziehen und den Anteil der Atomenergie immer noch gegenüber heute knapp verdoppeln. \”Aus den Flüssen beziehen\” ist interessant, weil dies letztlich eine nach menschlichen Massstäben praktisch unerschöpfliche Quelle ist. Drei statt 10 Milliarden Menschen könnten damit beliebig lang auf westeuropäischem Niveau versorgt werden.

  • By heraklit, 11. September 2010 @ 13:19

    Die strategische Reichweite eignet sich nur sehr bedingt,
    Vorhersagen über die Zukunft zu machen, zum einen müssen bald Kohle und Öl ersetzt werden, zum anderen ist nicht damit zu rechnen dass der Energiebedarf nicht weiter wächst.Nach Jahrhunderten bis Jahrtausenden muss der Uranverbrauch sich bei den 12600 t Zustrom stabilisieren, Atomkraft mit heutiger Technik kann dann nur einen kleinen Teil zur Energieversorgung beitragen.
    Einmal mehr zeigt sich, dass es die eine perfekte unerschöpfliche Energieform nie geben wird, die neuen Erfindungen und Entdeckungen hängen dem wachsenden energiebedarf immer schon hinterher.

  • By UMa, 12. September 2010 @ 13:02

    Ich habe nochmal google bemüht, da mir die 12600 Tonnen viel zu hoch erschienen. Das meiste davon wird warscheinlich nicht im Meerwasser gelöst, sondern direkt in Meeressedimenten abgelagert.

    Willard S. Moore: Amazon and Mississippi river concentrations of uranium, thorium, and radium isotopes

    gibt 4 Mio Jahre an.

    Yuan-Hui Li: A brief discussion on the mean oceanic residence time of elements

    ca 2 Mio Jahre aus Fig 1, siehe auch den Text.

    Also vielleicht 1500 Tonnen pro Jahr bei ca 3 Mio Jahren Verweilzeit?
    Das würde ca. 1 TW (thermisch) auf Dauer bedeuten, bei effizienter Nutzung des Urans. Dies entspricht der heute installierten Leistung (allerdings mit ineffizenter Urannutzung).

    Allerdings könnte sich dies bei der Nutzung teuerern aber häufigeren Urans aus Vorkommen mit sagen wir 10-100 ppm noch erhöhen. Diese wären wohl bei effizienter Nutzung ökonomisch ausbeutbar, bei vielleicht 1000 bis 10000 $/kg Uran?

    Die heute bereits geförderten Mengen und Uran würden bei effizienter Nutzung und heutiger Leistung ca 1600 Jahre reichen.

  • By magic, 17. September 2010 @ 16:44

    Hallo zusammen.
    Mit großem Interesse habe ich eure Ideen und Meinungen zum Thema Atomernergie gelesen.
    Das hört sich in der Theorie hervorragend an.Jedoch darf dabei nicht vergessen werden, daß \”schnelle Neutronen\” außerordentliche Anforderungen an alle metallischen Materialien stellen.Versprödung bzw. Schwellung sind zwei Stichworte.Hier sind neue Wege in der Materialtechnik notwendig.Das treibt die Kosten für ein solches Projekt in die Höhe.

  • By Unbekannter Gast, 21. September 2010 @ 23:01

    Ich gehe davon aus das durch den fehlenden Rohstoff Öl der für die Kunststoff und Chemie Industrie benötigt wird sich die ganze Energie Debatte wandeln wird. Kohle, Erdgas und Biomasse werden für Produkte benötigt. Sonne und Windenergie werden immer wichtiger werden weil sie nun mal gratis sind. Und wegen dem riesigen Energie und Wahren Hunger der Entwicklungsländer wird die Atomenergie die Führung übernehmen. Persönlich Denke ich aber dass es auch ohne gehen würde, und am liebsten würd ich den ganzen Uranvorrat für die Raumfahrt reservieren, weil es bis auf den Fusion Antrieb keine Alternativen gibt. Und wenn es so kommt wie es in den letzten Hunderten Jahre auch gekommen ist und eine neue Technologie unser ganzes Leben Verändert (ich tipp da auf Quantencomputer) dann werden wir Raumschiffe bauen die uns zu den Nachbar Sternen bringen. Die aber werden so extrem große Energie mengen verschlingen das sogar die Uranquellen auf der Erde nicht reichen werden.

  • By heraklit, 22. September 2010 @ 15:45

    Der Teil fossiler Brennstoffe, der stofflich genutzt wird, ist in Wahrheit marginal im Vergleich zu dem, der verbrannt wird. Dieses Problem sollte lösbar sein, vorrausgesetzt- einmal mehr-billige Energie.

  • By Unbekannter Gast, 22. September 2010 @ 17:45

    Laut wikipedia werden etwa 23,9 % des Erdöls in Deutschland zu Rohstoffen verarbeitet was nach dem Ölpeak nicht zu unterschätzen ist.

  • By Der Sachse, 22. September 2010 @ 18:38

    Dem vom Ölpeak verursachten Kunststoffmangel kann man z.B. mit Arboform (aus Holz erzeugter Kunststoff) entgegenwirken.

  • By Bynaus, 23. September 2010 @ 10:55

    Es ist auch so, dass der Kostenanteil des Erdöls bei den allermeisten Stoffen gering ist. Das heisst, die Kosten für das Erdöl können auch deutlich steigen, ohne dass die Produktkosten drastisch steigen.

    Sonne und Windenergie sind im Übrigen alles andere als \”gratis\”: Pro Kilowattstunde nutzbare Elektrizität sind sie teurer als Kohle- oder Atomstrom (Kohle, Erdöl und Uran wären in dem Sinne auch \”gratis\”, denn man kann sie der Erde entnehmen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen).

  • By UMa, 26. September 2010 @ 01:13

    Noch ein paar Gedanken:
    Phosphate enthalten ca 100ppm U, Produktion 160Mt/Jahr ergeben ca 16kt U/Jahr. Könnte man nutzen, statt, dass das U über den Dünger in die Nahrungskette gelangt. Anreicherung des Bodens auf bis 15ppm nach en.wiki, ist aber bei jahrelanger Düngung viel zuwenig(?! wie Dick ist die Bodenschicht?), also muss U ausgewaschen (oder über Pflanzen entfernt werden). Könnte das den erhöhten U Gehalt der Flüsse erklären? 12.6kt vs. 1.5 kt?
    Also ca 11 kt? durch Phophate und andere Bergbauaktivitäten, erhöhte Bodenerosion usw.?
    Wieviel U bleibt also im Boden, wieviel geht in die Flüsse und was passiert mit Phosphaten (über die Hälfte?) die nicht als Dünger genutzt werden?
    Wäre es sinnvoll das U aus den Phospaten zu entfernen?

  • By heraklit, 26. September 2010 @ 13:51

    Ins gleiche Horn blase ich auch und bemerke, dass die wirtschaftlichkeit nicht allein vom U-Gehalt abhängt,
    weil oft wertvolle Begleitprodukte gewonnen werden.
    Durch die Seltenerdmetalle im Monazitsand,könnten auch dessen
    Vorkommen im Schelfmeer unter wirtschaftlichen Bedingungen Uran liefern, obwohl es nur~1% ausmacht.( In ihm finden sich aber große Mengen Thorium)

  • By heraklit, 27. September 2010 @ 15:02

    die heutigen Phosphatvorkommen werden noch etwa 500 Jahre reichen( was seine eigenen Probleme nach sich ziehen wird),
    also lasssen sichaus diesen nur etwa 8 Megatonnen Uran gewinnen- zu vernachlässigen im Vergleich zum Meerwasser.
    Die Abfälle der Phosphatindustrie sind stark mit Uran, aber vor allem Arsen, Antimon und Cadmium belastet und sollten eigentlich als Sondermüll behandelt werden- in vielen Ländern weren sie aber einfach ins Meer gespült. Eine Extraktion aus Phosphaten und Abfallschlämmenwird bei steigendem Uranpreis rentabel werden und noch einige Jahrhunderte bringen.

  • By heraklit, 2. Oktober 2010 @ 13:11

    Was noch gar nicht erwähnt wurde:
    Die ganze Rechnung geht nur auf, wenn die Menschheit so vernünftig ist auf Fissionswaffen und fissionsgezüdete H-Bomben zu verzichten.

  • By Beverly, 7. Oktober 2010 @ 11:10

    >>Man kann zur Atomenergie stehen wie man will, aber Diskussionen dazu sollten – wie in allem – auf der Basis von Fakten geführt werden.<<

    Ich erlaube mir auf die Fakten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hinzuweisen: In ganz Europe deutlich erhöhte Radioaktivität, in Weißrussland und der Ukraine noch heute stark belastete Regionen und das Gebiet um Tschernobyl selbst musste aufgegeben werden. An den Folgen sind schon Tausende gestorben und es man muss mit Tausenden, wenn nicht Zehntausenden rechnen, die noch sterben werden.

    Zu den Fakten selbst kommt der Umgang mit den Fakten durch die Atomlobby: alles leugnen und abstreiten und so von sich schieben, wie den Atommüll, den sie späteren Generationan aufhalsen. Tut mir Leid, ich bin von Windkraft bis zu Sonnenzapfer für Vieles offen. Die Kernspaltung als Energiequelle gehört aber nicht dazu, weil sie eine in jeder Hinsicht gefährliche Sackgasse ist.

  • By Bynaus, 7. Oktober 2010 @ 15:37

    Zunächst einmal: Die Diskussion um Atomenergie muss ein andermal geführt werden. In diesem Artikel geht es nur um die strategische Reichweite von Uran.

    Trotzdem will ich das jetzt nicht so stehen lassen: Denn ob wirklich so viele an Tschernobyl gestorben sind, wie oft behauptet wird, ist fraglich. Man kann aber auch nicht einfach jede tiefe Zahl von Todesfällen der Atomlobby und jede hohe Zahl den Anti-Atom-Fanatikern unterschieben.

    Objektive Zahlen gibt es aber schon. Die UNO hat, zusammen mit anderen Organisationen, eine Untersuchung durchgeführt (UNSCEAR), die über 20 Jahre hinweg detaillierte wissenschaftliche Untersuchungen der Auswirkungen des Unfalls ausgewertet hat. Die Zahlen, die dabei herauskamen, sehen ganz anders aus, als man vielleicht erwarten würde: Rund 60 Menschen sind direkt an den Folgen des Reaktorbrandes gestorben (vorwiegend Techniker und Feuerwehrleute). Nach der Katastrophe gab es insgesammt 4000 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs, aber dieser Krebs ist für die grosse Mehrheit relativ harmlos (30 Jahre nach Behandlung leben noch 92%, dh, übertragen auf Tschernobyl, sind das nochmals 320 Todesfälle). Es gab keine Erhöhung anderer Krebsarten (wie Lungenkrebs, Leukämie) und keine Erhöhung von Fehlgeburten und Deformationen gegenüber dem natürlichen Hintergrund. Die Sterblichkeit der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten ist auch nicht gestiegen.

    Nachlesen kann man das hier: http://www.unscear.org/unscear/en/chernobyl.html#Health

    Tschernobyl hat also letztlich unter 500 Todesopfer gefordert – und war damit der tödlichste Atom-Unfall überhaupt. Die Kohle fordert weltweit wohl jeden Monat mehr Opfer (Kohlestaub in der Luft, giftige Schwermetalle, Mineneinstürze etc).

  • By IS, 18. Dezember 2010 @ 16:02

    Uran ist sicher genauso wie andere radioaktive stoffe im universum mengenmäßig ausreichend vorhanden. Die frage ist eher wie bei jeder potentiellen energiequelle wie effizient sie sich für technische zwecke gewinnen und einsetzen lässt. Sprich wieviel energie muss ich investieren, um eine bestimmte energiemenge daraus zu erhalten. (EroEI)

    Abgesehen von der technischen herausforderung die weltmeere umzuwälzen und den ökologischen schäden wäre die wirtschaftlichkeit sehr fraglich. die schätzung von 300$/kg scheint mir eher theoretisch, denn so eine anlage wurde meines wissens noch nie umgesetzt. Ein anhaltspunkt könnte hier das gelöste gold im meerwasser sein. Denn theoretisch wären die weltmeere die größten goldreserven auf dem planeten (!) dennoch wurden alle versuche gold aus meerwasser zu gewinnen aus wirtschaftlichen gründen wieder aufgegeben.

    Strom aus atomkraft ist nebenbei gesagt nicht die billige energie, als die sie uns ‚verkauft’ wird, auch wenn man die endlagerkosten inkl. Transporte und die ökologischen langzeitfolgen (=kosten) ausblendet. Alleine durch die oft jahrzehntelange und sehr kostenintensive bauphase ist es teure energie und macht derzeit in relation zum jährlichen gesamtenergieverbrauch nur ein paar % aus. (2005 waren es 2,2% – Quelle: ASPO Deutschland). Und das obwohl laut deren protagonisten energie aus akw unser energieprobleme ein für alle mal und für immer lösen hätte sollen…

    Wendet man ökologische kostenwahrheit an wären die erneuerbaren energien de facto die billigsten und naheliegendsten energiequellen, außerdem die einzigen, die sich politisch durchsetzen lassen. Tatsache ist, dass die meisten nicht mit dem risiko einer verstrahlten umwelt leben möchten und das meiner meinung nach vollkommen zu recht…

    Zu Kunststoff aus Holz – klar kann man erdöl substitutionieren. Während des 2. weltkriegs wurde das von den deutschen in großem stil mit kohle praktizert mangels eigener ölquellen. Letztlich war das auch ein grund weshalb sie den krieg verloren haben. Die usa waren damals noch die ‚ölscheichs’ der welt. Würde man erdöl ernsthaft durch holz ersetzen wären unsere wälder möglicherweise in einigen jahren kahl, denn der weltverbrauch an erdöl beträgt derzeit > 80 Mio. Barrel – pro Tag!

    Fazit: in erster linie bräuchten wir wohl eine effizienzrevolution. Dann könnten wir vermutlich auch den technischen stand halten und verbessern. Wer braucht 1000 verschiedene modelle eines flachbildschirms? Wieso muss jedes billigprodukt industriell hergestellt aus china importiert werden? warum wird überhaupt beinahe jedes produkt automatisiert hergestellt und benötigt dabei nicht nur viel energie, hohe kredite und zerstört dabei traditionelle berufe, sprich arbeitsplätze. Und falls man das doch so wollte, müsste man zumindest ein bedingungsloses grundeinkommen für alle einführen, weil sonst in zukunft nur noch eine kleine elite arbeiten dürfen wird. Vielleicht wäre irgendwann wieder einfachheit angesagt… In einem mechanistischen weltbild scheint der mensch selbst irgendwann zu einer maschine zu werden…

  • By Alex, 20. Dezember 2010 @ 14:04

    @IS: Du bist mit dem Komma etwas verrutscht: der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung in Deutschland beträgt 22% – und nicht 2,2%!
    Da die KKW-Betreiber den Bau selbst finanzieren und eine eigenständige Kostenrechnung haben in der diese Ausgaben einfließen, kann man auch ruhig davon ausgehen daß sich KKW trotz dieser Investitionen lohnen.
    Ebenso hinkt das Beispiel mit dem Goldabbau: Im Grunde braucht niemand Gold und dessen Wert oszilliert lediglich um einen bestimmten Wert herum, abhängig davon wie viel Vertrauen in andere Werte vorhanden ist.
    Das ist bei der Energie ganz anders: sie ist nicht ersetzbar und wird für die Existenz unserer Zivilisation unbedingt benötigt; deren Wert steigt also solange, wie es keinen Ersatz gibt. Ab einer gewissen Energienot ist es also nur eine Frage der Kosten, auch schwierigere Quellen zu erschließen.

    Weiter finde ich den Satz \”in einer verstrahlten Umwelt leben\” etwas daneben, denn kein Kernkraftwerk verstrahlt seine Umwelt; die Werte um die Kraftwerke herum sind völlig normal. Daß es bis heute kein Endlager gibt ist ein reines Politikum, aus technischer Sicht wäre die Frage längst gelöst (wie auch Bynaus mal in einem anderen Artikel beschrieb).

    Die Frage nach dem Verfahren der Meeres-Urangewinnung könnte man aber evtl. nochmal genauer beleuchten; wie würde das genau funktionieren und mit welchem (Energie-)Aufwand ist es verbunden?

    Übrigens glaube ich auch daß das Erdöl nach Peak Oil zunehmend durch Kohleverflüssigung gestreckt werden wird; auf die kräftigen Benzinmotoren mit der großen Reichweite wird einfach keiner verzichten wollen.

  • By IS, 22. Dezember 2010 @ 01:24

    @Alex
    strom ist keine energiequelle sondern eine form der energie.
    Die aufteilung des weltenergieverbrauchs wird daher in der regel nach energieträgern angegeben. das besagte diagramm ist auf der hp von \’aspo deutschland\’ unter ‚einführung’.

    Du hast recht, gold und uran lassen sich nicht direkt vergleichen. Uran kommt in höherer konzentration im meerwasser vor, preis und verwendung sind sehr verschieden. Allerdings ist es nicht so, dass die förderung endlos über den preis geregelt werden könnte. wer würde beispielsweise 1liter erdöl investieren um 1liter zu fördern? Das ist vereinfacht gesagt, dennoch wird bei jedem energieträger irgendwann dieser punkt erreicht. Das ist im grunde die aussage des ERoEI.

  • By Bynaus, 22. Dezember 2010 @ 12:11

    @IS: Wegen dem ERoEI musst du dir beim Uran keine Sorgen machen. Die Gewinnung von Uran aus dem Meerwasser wird sich energetisch immer lohnen, nicht zuletzt weil die Sonne das Umwälzen und Durchmischen des Wassers übernimmt und nur kleine Mengen benötigt werden. Nukleare Brennstoffe haben sogar so eine grosse Energiedichte, dass sich ihr Transport über interplanetare Distanzen lohnt.

    Wie du dem Link entnehmen kannst, stammen die 300$/kg aus einer längeren Versuchsreihe. Japan plant jetzt den Bau einer solchen Uran-Extraktionsanlage, die daneben noch weitere Stoffe wie seltene Erden aus dem Meerwasser gewinnen soll: nextbigfuture.com/2010/12/scaling-up-uranium-from-seawater.html

    Dass Atomenergie teuer ist, liegt nicht zuletzt daran, dass sie gegen enorme politische Widerstände ankämpfen muss. Würden jährlich weltweit dutzende bis hunderte von AKW gebaut und in Betrieb gesetzt, würden die Stückkosten sinken. Die Abfallfrage wäre längst gelöst (Transmutation, wo sich der Abfall unter Energieabgabe in deutlich weniger lang strahlenden Abfall verwandelt), wenn der politische Wille da wäre. Gewisse politische Kreise wollen die Abfallfrage ja nur deshalb nicht lösen, weil das als Legitimation gesehen werden könnte, weitere AKW zu bauen – nur um dann im Wahlkampf wieder die \”ungelöste Abfallfrage\” aufzutischen…

    Dass eine \”Effizienzrevolution\” zu einer Verringerung des Gesamtenergieverbrauchs führen würde, ist ein Märchen. Das ist in der Geschichte der Menschheit nie geschehen. Bessere Effizienz heisst weniger Primärenergie-Verbrauch, damit tiefere Primärenergiekosten – und damit wieder ein Anreiz, mehr Enerige zu benutzen. Mehr Energieeffizienz kann nur die Folge von teurerer Primärenergie sein (dann lohnt es sich, effizientere Geräte zu bauen), doch das widerum ist ein wirtschaftlicher Standortnachteil. Ich werde demnächst einen ganzen Artikel zu diesem Thema schreiben.

  • By IS, 23. Dezember 2010 @ 11:03

    Hm, so oder so erscheinen viele zukunftsszenarien momentan utopisch und vielleicht ist die menschheit an einen punkt angelangt, wo sie etwas machen muss, das es vorher noch nie gab. Ob jetzt ein einfaches, natürliches leben mit schlanker technologie, sprich ~10% hitec, utopischer ist als die vorstellung einer annähernd 100% technisierten gesellschaft, die intergalaktisch rohstoffe abbaut und herbeitransportiert… man wird es sehen.
    dass der bau von akw jemals billig sein wird halt ich für eher unwahrscheinlich, wenn man sich den aufwand ansieht, eher wäre es noch gegangen als fossile energie reichlich und billig vorhanden war, sprich in den letzten 50 jahren…

  • By Alex, 8. Januar 2011 @ 13:57

    @IS: ich habe nirgendwo Strom mit Energiequellen gleichgesetzt, wo ziehst Du das raus?
    Nun sprichst Du auf einmal vom Weltenergieverbrauch, Deine (falschen) 2,2% bezogen sich aber auf Deutschland.

    @Bynaus: ich sehe es sogar noch pessimistischer; Ursache für den politischen Unwillen ist die in der Bevölkerung verbreitete Angst. Jede politische Partei weiß, daß man die Energie aus KKWs nicht unmittelbar ersetzen kann und so ließen sich selbst Grüne und SPD in Deutschland zu Laufzeitverlängerungen breitschlagen – was sie auch weiter tun würden wenn sie wieder regieren würden. Andererseits sind aber selbst Kernkraft-befürwortende Parteien nicht in der Lage, Kraftwerksneubauten durchzudrücken.
    So ist der Kreislauf \”Abschalten/Grundrenovierung älterer Kraftwerke\” und \”Kraftwerksneubau\” unterbrochen, die bestehenden altern zunehmend und geben den Kernkraftgegnern neue Argumente in die Hand.

  • By Block, 15. März 2011 @ 06:36

    Zur Gefährlichkeit der Kernkraft, aus aktuellem Anlass:

    Tote pro TWh (Terawattstunde):
    nextbigfuture.com/2011/03/deaths-per-twh-by-energy-source.html

    Unter dem angegebenen Link wird die durchschnittliche Zahl an Toten pro TWh durch verschiedenen Stromerzeugungsmethoden verglichen.

    Die interessantesten Daten (Hervorhebungen von mir):

    Stromerzeugungsmethode ——————- Tote pro TWh

    Coal – world average ——————- 161 (26% of world energy, 50% of electricity)
    Coal – China ———————————- 278
    Coal – USA —————————— 15
    Oil ——————————————– 36 (36% of world energy)
    Solar (rooftop) (Solarzellen auf Dächern) — 0.44 (less than 0.1% of world energy)
    Wind —————————————— 0.15 (less than 1% of world energy)
    Hydro ———————————— 0.10 (europe death rate, 2.2% of world energy)
    Hydro – world including Banqiao) ————- 1.4 (about 2500 TWh/yr and 171,000 Banqiao dead)
    Nuclear ————————————- 0.04 (5.9% of world energy)

    Berücksichtigt sind sowohl Tote durch Kontamination (z.B. bei Kernkraft), durch Umweltverschmutzung und ähnlichem. Tschernobyl wurde natürlich berücksichtigt, auch die nachträglichen Todesfälle durch Strahlung und Kontamination.

    Meines Wissens nach nicht berücksichtigt wurden zukünftige Tote durch einen durch menschliches CO2 und andere Treibhausgase nennenswert mitverursachten zukünftigen Klimawandel, da dies Zukunftsszenarien sind und somit potentielle zukünftige Todesfälle. Diese Toten würden die Statistik weiter zu Ungunsten von Öl und Kohle verschlechtern, nicht aber die der Kernkraft.

    Die niedrige Todesrate pro TWh für Nuklearenergie ergibt sich daraus, dass bei einem schweren Unfall zwar (je nach Umfang des Unfalls, Strahlung und radioaktiven Materiales) eventuell viele Menschen in relativ kurzer Zeit sterben und, je nach Umfang der Verstrahlung und Kontamination mit radioaktiven Material, eventuell auch viele Menschen an Nachwirkungen sterben, dafür solche Unglücke aber sehr selten sind. Kleinere, dafür aber häufigere Unfälle bei anderen Formen der Stromerzeugung können so zu einer höheren Todesrate pro Terawattstunde (TWh) führen.

    Natürlich kann die Anzahl an Toten durch Atomkraft durch das jetzige Unglück in Japan kurzfristig größer werden, wenne es zu einem Super-Gau kommt. Langfristig und auch mittelfristig wird dies aber nichts an den Statistiken ändern. So gibt es zwar in folge eines Super-Gaus viele Tote, aber solche Vorfälle sind dafür sehr selten. Dies führt zu kurzfristig sehr hohen Opferzahlen, die eher Medienaufmerksamkeit erregen, als viele kleiner Unglücksfälle mit weniger Toten oder Tote durch die Schadstoffbelastung durch Kohlekraftwerke (wobei auch hier je nach Umweltschutz- und Sicherheitsvorschrifften große Unterschiede zwischen zum Beispiel den USA und China bestehen, wie der Statistik zu entnehmen ist).

    Zur Wasserkraft:

    Hydro ——————————————- 0.10 (europe death rate, 2.2% of world energy)
    Hydro – world including Banqiao) ————- 1.4 (about 2500 TWh/yr and 171,000 Banqiao dead)

    Im oberen Wert von 0,1 pro TWh ist das Unglück beim Banqiao-Staudamm 1975 in China nicht berücksichtigt, da weder die Staudammkonstruktion, noch die geographischen Bedingungen unbedingt sehr representaiv für Wasserkraft sind.

    Der Banqiao-Staudamm sollte angeblich so ausgelegt sein, das er einer Überschwämmung standhält, wie sie nur einmal in 1000 Jahren stattfände.
    Die Wikipedia dazu (Hervorhebung von mir):

    Am frühen Morgen des 8. August brach der kleinere Shimantan-Staudamm stromaufwärts. Eine halbe Stunde später, 1 Uhr nachts, traf die Flutwelle auf den Banqiao-Staudamm und er brach auch. Das verursachte den Bruch von insgesamt 62 Staudämmen.

    Dieser Kaskadenbruch erzeugte eine mehrere Meter hohe Welle, die sich mit fast 50 km/h stromabwärts ins Flachland ergoss. Fünf Kreise Zhumadians (Suiping, Xiping , Runan, Pingyu , Xincai), der heutige Stadtbezirk Yuanhui der Stadt Luohe und der Kreis Linquan der Stadt Fuyang in der angrenzenden Provinz Anhui wurden überflutet, ebenso tausende Quadratkilometer Land und zahllose Dörfer, von denen keines Zeit für eine Evakuierung hatte. Die Beijing-Guangzhou-Eisenbahn, eine Hauptverkehrsader, war unterbrochen, genau wie andere wichtige Kommunikationsleitungen. Neun Tage später waren über eine Million Menschen vom Wasser eingeschlossen, unerreichbar für die Katastrophenhilfe, während Epidemien und Hungersnöte die Eingeschlossenen dezimierten.

    Ungefähr 26.000 Menschen starben durch die Überschwemmung und weitere 145.000 durch die darauf folgenden Epidemien.

    Über 170.000 Tote durch einen Wasserkraftanlagenkomplex bei einem großen Naturunglück.

    Eine klassische Kettenraktion mit dramatische Folgen.

    Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Banqiao-Staudamm

    Eine solche Lage ist jedoch nicht auf europäische Staudämme zur Wasserkrafterzeugung übertragbar. Es handelt sich nicht um einen Grund Wasserkraft zu verteufeln. Mehr Tote pro TWh als Atomkraftwerke kommen leider trotzdem vor.

  • By ein Gast, 19. März 2011 @ 14:59

    @Block

    Findest Du die Anzahl der angenommenen Toten von 4000 bei Kernkraft nicht ein bisschen sehr lächerlich?

    Allein von den 800.000 Liquidatoren in Tschernobyl sind schon über 50.000 tot! Ich würde eher mal mit ~1.000.000 rechnen, die allein durch Tschernobyl vorzeitig sterben werden. Und je nachdem wie es in Japan ausgeht, könnte die gleiche Anzahl nochmal dazukommen.

    Wenn so ein Unfall dann in nächster Zeit nochmal in Zentraleuropa im dicht besiedelten Gebiet passieren sollte, kannste die Opfer nochmal mit Faktor 10 multiplizieren. Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch, da es ca alle 5 Jahre zur Totalkatastrophe eines Reaktors kommt. Und die Wahrscheinlichkeit wird wohl noch steigen, da es immer mehr überalterte Kraftwerke am Netz gibt!

  • By Bynaus, 21. März 2011 @ 19:41

    @\”Ein Gast\”: Siehe weiter unten, da steht ein Link zu einer internationalen Studie zu Tschernobyl. Auch würde ich davon abraten, hier Unsinn wie \”es kommt alle 5 Jahre zu einer Totalkatastrophe eines Reaktors\” zu verbreiten, den selbst der grösste Ignorant als Lüge erkennt: Wo waren denn die Totalkatastrophen in den Jahren 2006, 2001, 1996, 1991?

    Mit dem Thema hier (Uran-Gewinnung aus dem Meer) hat das alles nichts zu tun. Ich bitte daher darum, auf das Thema zurück zu kommen.

  • By Herbert Eisenbeiß, 20. November 2011 @ 12:02

    Das sind doch hier Luftschlösser, Utopien, Hirngespinste! Uran aus Meerwasser ja, klingt gut, aber das lohnt sich erst dann, wenn man es wirklich wirtschaftlich aus diesem gewinnen kann!

    Was die Uranreserven angeht, da halte ich mich lieber an die Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (http://www.bgr.bund.de/DE/Home/homepage_node.html).

    Nach deren Kurzstudie aus dem Jahr 2010 sind die Reserven (==Vorkommen, die bekannt sind oder bereits erschlossen und zu wirtschaftlichen Bedingungen abbaubar) von Uran im Bereich 2,5 Millionen Tonnen. Die Ressourcen(==Vorkommen, die man erst noch entdecken muss, oder bereits bekannt sind, aber noch nicht zu wirtschaftlichen Bedingungen technisch abbaubar) liegen im Bereich von knapp 10 Millionen Tonnen.

    Die Ressourcen schliessen das Uran im Meerwasser mit ein!

  • By Matthias Meier, 20. November 2011 @ 13:28

    Das lohnt sich längstens: 300$/kg sollen es gemäss den japanischen Experimenten sein, das ist in der Nähe des Marktpreises. Der Abbau von Uran lohnt sich allerdings bei praktisch jedem Preis, weil die Energiedichte so gewaltig viel höher ist als in jedem chemischen Rohstoff (z.B. Erdöl). Selbst wenn man tausende oder zehntausende Dollar/Euro/Franken dafür bezahlen müsste, würde sich der Abbau lohnen.
    Und nein, Uran im Meerwasser kann nicht in dieser Studie eingeschlossen sein, ganz einfach weil die Zahlen sonst nicht aufgehen: Die Konzentration von Uran im Meerwasser ist bekannt, die Menge Meerwasser ebenfalls – eine einfache Multiplikation zeigt, dass im Meerwasser rund 4.3 Mrd Tonnen Uran sein müssen, 430 Mal mehr als du aus der Studie zitierst. Ansonsten müsstest du die Studie direkt verlinken und die Seitenzahl nennen, auf der das Meerwasser erwähnt ist.

  • By Matthias Meier, 20. November 2011 @ 13:49

    Und jeder tote Liquidator muss natürlich an der Strahlung gestorben sein? Radioaktivität in hohen Dosen ist gefährlich und kann Krebs verursachen: Aber weder in Tschernobyl noch in Fukushima ist die Anzahl Menschen und die Dosis Radioaktivität, denen sie ausgestetzt waren, so hoch, dass man tatsächlich von so hohen Opferzahlen ausgehen müsste, wie man sie auf Seiten von Greenpeace z.B. findet.

    Ja, es leiden eine grosse Anzahl Menschen unter den Folgen von Tschernobyl, ganz klar! Diese Folgen sind abervor allem sozioökonomisch und psychologisch (Vertreibung, Angst vor Langzeitfolgen, Opferstatus, Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung am neuen Ort, etc.). Die physisch-gesundheitlichen Auswirkungen sind viel geringer als oft behauptet wird: Gestorben sind – gemäss der Studie der UNO von 2002 – 37 der Arbeiter, die bei den ursprünglichen Löscharbeiten im Kraftwerk verstrahlt wurden. Es gab einen Anstieg beim Schildrüsenkrebs, der sich aber in der Regel gut behandeln lässt und eine hohe Überlebenschance hat (2000 Fälle in der UN-Studie von 2002, und es wurde erwartet, dass diese Zahl noch auf bis zu 10000 steigen würde). Es gab keinen Anstieg bei der Häufigkeit anderer Krebsarten. Extrapoliert man die Radioaktivität, die freigesetzt wurde, mit der Anzahl Menschen, die ihr ausgesetzt waren, kommt man rein rechnerisch auf eine Anzahl von 4000 Toten – das ist so wenig, dass es im Hintergrundrauschen völlig untergeht (schliesslich sterben – Tschernobyl hin oder her – jedes Jahr Millionen Menschen in Europa an Krebs). Man tut den Opfern von Tschernobyl in meinen Augen völlig unrecht, wenn man ihr Leid auf Tote und Krebs reduziert: denn diese Zahlen sind viel weniger “beeindruckend” als oft behauptet wird. Die radioaktive Verseuchung eines Landstrichs ist schlimm genug.

    Der Link zur Studie der UNO: http://www.un.org/ha/chernobyl/docs/report.pdf

  • By Tinnitus, 2. April 2012 @ 23:52

    Warum die ganze Erde durchwühlen? Wir haben schon einen gigantischen Fusionsreaktor der noch Milliarden Jahre arbeiten wird! Warum nicht die Wüsten nutzen und direkt solaren Treibstoff erzeugen? Dabei kann CO2 *verbraucht* werden und nebenbei die Wüsten mit Wasser versorgt, bewohnbar gemacht werden! Teure Solarpads sind nicht nötig, einfache Spiegel reichen! Guckst Du: http://www.organische-chemie.ch/chemie/2009jul/sonnenenergie.shtm

  • By Matthias Meier, 3. April 2012 @ 00:01

    Klar haben wir einen gigantischen Fusionsreaktor in der Mitte des Sonnensystems. Und klar gibt es Möglichkeiten, die Energie zu nutzen, die er abstrahlt. Doch wegen der grossen Entfernung zum Reaktor ist seine Energie relativ diffus verteilt – wir müssen grosse Fläche abdecken, um nennenswerte Mengen einzufangen, und das macht das ganze relativ Aufwändig, wenn es so schnell gehen soll, wie es gehen muss, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels rechtzeitig zu stoppen. Für viele Anwendungen reicht das Sonnenlicht durchaus aus (und ich bin mir sicher, dass langfristig Solarenergie die unschlagbar günstigste Energiequelle werden wird), aber eben nicht für alles (versuch mal ein Passagierflugzeug oder ein Frachtschiff mit Solarenergie zu verbrauchen – hier könnte allerdings der von dir erwähnte solare Treibstoff ins Spiel kommen). Aber natürlich gibt es auch viele andere Dinge zu bedenken, z.B. geopolitische Realitäten, die gewaltigen Kosten eines solchen Ausbaus, etc (pro kWh ist selbst Solarthermie noch deutlich teurer als Atomenergie). Wie du mit solarem Treibstoff allerdings “neben die Wüsten mit Wasser versorgen” willst, sehe ich nicht. CO2 enthält kein Wasser…

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