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Die Polywellfusion wird finanziert


Zukunftstechnologien, 08.10.2009
In den USA wird ein vielversprechendes Kernfusions-Projekt finanziert. Die im Verlgeich zu den Milliardenteuren Grossprojekten wie ITER und HIPER vergleichsweise geringen 10 Millionen US$ sind wohl gut investiert.


Ein PolywellreaktorIch habe die Polywellfusion bereits in einem anderen Artikel zur Kernfusion kurz angeschnitten. Das Prinzip ist schnell erklärt: Magnete werden (in einem Vakuum) derart geschickt um eine zentrale Elektronenwolke gruppiert, dass sie diese auf einen kleinen Bereich im Zentrum "eindämmen" - wenn Elektronen entkommen sollten, folgen sie automatisch den Magnetfeldlinien zurück ins Innere der Maschine. Diese Elektronenwolke hat nur einen Zweck: ein gewaltiges negatives (elektrisches) Potential aufbauen: positiv geladene Ionen, die in die Maschine eingeschossen werden, werden von der Elektronenwolke stark angezogen und beschleunigen entsprechend. Sie durchqueren die Elektronenwolke, kehren auf der anderen Seite wieder um (sie werden immer noch angezogen...) und fliegen so viele tausend Mal pro Sekunde durch die Wolke. Je mehr Ionen vorhanden sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass einige von ihnen beim Durchqueren der Elektronenwolke kollidieren und fusionieren: Kernfusion findet statt. Das ist keine grosse Hexerei: in wesentlich einfacher gebauten, "verwandten" Geräten wie dem sogenannten "Farnsworth-Hirsch"-Fusor konnten schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Fusionsreaktionen erzeugt werden. Auch mit dem Polywell-Experimentalreaktor sind Kernfusionen möglich, rund eine halbe Milliarde Deuterium-Atome, so hat ein Experiment mit dem Experimentalreaktor "WB-6" ("Whiffelball 6", eine Anspielung auf die Form des eingeschlossenen Magnetfeldes, das in einigen Visualisierungen wie eine Unihockeykugel aussieht) bereits im Sommer 2007 ergeben, verschmelzen darin pro Sekunde.

Das ist noch nicht genug, um damit Strom zu produzieren. Aber die Theorie, mit der sich ein Polywellfusionsreaktor beschreiben lässt, besagt, dass die produzierte Leistung praktisch mit der siebten Potenz des Durchmessers wächst - vergrössert man die Maschine von heute rund 30 cm auf 3 m, hat man einen funktionierenden Fusionsreaktor, der mehr Energie produziert, als er verbraucht.

Hinter dem Projekt steckt niemand geringeres als der amerikanische Physiker und Ingenieur Robert W. Bussard, der vielen Science-Fiction-Fans wegen seiner Erfindung des "Bussard-Antriebs" (dabei wird vor einem Raumschiff ein riesiges Magnetfeld aufgespannt, mit dem es den interstellaren Wasserstoff einsammelt und zur Befeuerung seines Fusionsantriebs nutzt - also eine Art "Düse" für den Interstellaren Raum) ein Begriff. Bussard ist letzten Sommer gestorben, doch das Polywellprojekt, an dem er fast bis zum letzten seiner Tage gearbeitet hat, wird nun von anderen Physikern und Ingenieuren seiner "Energy Matter Conversion Corporation" (EMC2, eine Anspielung auf Einsteins berühmteste Formel...) weitergeführt. Zuletzt bekamen sie im Sommer 2008 einen kleinen finanziellen Beitrag von der US Navy, um das Experiment vom Sommer 2007 zu widerholen - dies ist offenbar geglückt, denn nun geht es in grossen Schritten vorwärts. Der bestehende Experimentalreaktor (WB-7) wurde weiter entwickelt, nun ist der nächste (WB-8) geplant - und vom übernächsten (WB-9) ist auch schon die Rede. Dies erweckt den Eindruck, dass die Finanzierer bei der Navy sehr beeindruckt sind von den (geheimgehaltenen) Resultaten der Tests mit WB-7.

Richard Nebel, der neue Chefentwickler bei EMC2, erwartet, dass er in spätestens anderthalb Jahren wissen wird, ob sich der Polywellreaktor tatsächlich für die Stromproduktion im grossen Stil eignet. Für diesen Fall ist es nun sogar denkbar, dass der Reaktor nicht nur Deuterium (oder Deuterium-Tritium wie ITER) fusionieren wird, sondern auch schwerere Elemente, zum Beispiel Wasserstoff-Bor-11. Dieser Brennstoff, auch unter "pB11" bekannt, besteht aus einfachem Wasserstoff sowie einem Isotop des Elements Bor. Fusioniert man die beiden, entstehen drei Heliumatome, die völlig harmlos sind. Der erste grosse Vorteil dieses Brennstoffs ist aber, dass praktisch keine Neutronen entstehen. Neutronen führen dazu, dass auch ein Fusionsreaktor mit der Zeit radioaktiv verstrahlt wird - bei pB11 ist das kein Problem. Der zweite Vorteil ist, dass sich die freigesetzten Helium-Atome mit magnetischen Feldern bremsen lassen und diese dabei direkt Strom produzieren - sehr viel effizienter als beim Umweg über Dampfturbinen (wie in heutigen Atomkraftwerken oder bei ITER geplant). Ein solcher Reaktor könnte eine Effizienz von bis zu 85% haben, schätzt Nebel. Bor kommt im Meerwasser vor - jedes Land mit Meeranstoss hätte also künftig sein eigenes "Erdölfeld" direkt vor der Haustür. Das alles klimaneutral und ohne radioaktive Abfälle.

Steht die Lösung des Energieproblems kurz bevor? In anderthalb Jahren werden wir mehr wissen.

News rund um die Polywellfusion
Die etwas kümmerliche Webseite von EMC2 Zuunterst auf dieser Webseite finden sich einige sehr interessante Links.


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Bynaus hat am 08.06.2010 12:21:17 geschrieben...

Ich bin natürlich kein involvierter Ingenieur, aber ich kann versuchen, dir deine Fragen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Die Temperaturen im Zentrum sind hoch genug, dass keine Rekombination stattfindet. Die auftretenden Teilchengeschwindigkeiten entsprechen jedenfalls Millionen von Grad. Die Heliumkerne, die bei der Fusion entstehen, haben eine sehr viel höhere Energie als die Kerne der Atome, die direkt als Treibstoff in die Fusion eingehen. Ihre Bewegung trägt sie somit weiter, so dass sie "weiter draussen" eingefangen werden können.

Valary hat am 08.06.2010 01:17:00 geschrieben...

Hmm, ich denke das die Fusionsdichte nicht all zu hoch sein wird. Wie hoch sind denn die Temperaturen im Zentrum? Nicht das die Ionen sich gleich mit den Elektronen verbinden.

Und das mit der Energiegewinnung kann ich mir nicht vorstellen. Werden die Heliumkerne nicht auch vom Elektronenpotential gebunden, so das sie quasi keine Energie in ein Magnetfeld übertragen? Ganz davon abgesehen: Wo soll denn das Magnetfeld sein, was die Heliumkerne abbremst, wenn da doch noch das Eindämmungsfeld ist?

Bynaus hat am 28.04.2010 09:56:06 geschrieben...

Die ähnlichkeit zur Fusion in einem Stern wird bei der Polywellfusion durch den sphäroiden Aufbau der Fusionskammer deutlich: statt dass die Gravitation die Ionen anregt, nahe zusammen zu rücken, ist es hier ihre elektrische Ladung (siehe Beschreibung oben und im Fusions-Artikel). Bei einem Tokamak hingegen gibt es im Prinzip nichts, was das Plasma zusammenpresst, entsprechend viel höher müssen die Temperaturen sein. Ein Polywell-Fusor hingegen kann theoretisch sogar Wasserstoff-Bor fusionieren, was für Tokamaks völlig unmöglich ist.

Zur Fusionsdichte, siehe Artikel: im WB-6-Experimentalreaktor waren es eine halbe Milliarde Deuterium-Atome pro Sekunde. Viel zu wenig für Break-even, aber das wurde bei der Grösse auch nicht erwartet.

Bei Polywell wird im Gegensatz zu ITER nicht die Neutronenheizung, sondern die Abbremsung der entstehenden Helium-Kerne in einem den Reaktor umgebenden Magnetfeld zur Stromerzeugung genutzt. Das ist viel effizienter (weil es eine direkte Umwandlung ist, im Gegensatz zur indirekten über Heizung und Dampfturbine), zudem verhindert man dadurch eine radioaktive "Verseuchung" des Hüllenmaterials durch Neutronenbombardement.

Valary hat am 28.04.2010 01:58:07 geschrieben...

Nein, natürlich ist kein Stern wie der Tokamak.
Aber Sterne haben etwas, was wir nicht haben. Und zwar, was ich unten schon beschrieben habe, Größe. Sie betreiben Kernfusion allein durch ihr da sein. Soviel konzentrierte Masse übet, durch ihre Gravitation, einen enormen Druck auf das Innere aus, wodurch es automatisch zur Kernfusion kommt.
Diesen Druck könne wir auf der Erden nicht simulieren. Wir können hohe Temperaturen erzeugen, die den Druck kompensieren können, was wiederum eine Menge Energie bedarf.

Zur Polywellfusion:
Wie hoch ist die Fusionsdichte?
Und, wie wird die dabei entstehende Strahlung in elektrischen Strom umgewandelt?

Bynaus hat am 21.04.2010 08:25:49 geschrieben...

Der Polywell-Fusor funktioniert eben nach einem ganz anderen Prinzip als ITER oder Wendelstein 7-X. Aussagen über diese Maschinen lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Fusionsmaschinen, die ganz andere Grundlagen haben, übertragen. Es ist richtig, dass eine bestimmte Grösse nötig ist, damit mehr Energie produziert wird, als reingesteckt wird - bloss, bei der Polywell-Fusion ist diese Grösse mit 1.5 m Radius sehr viel kleiner als bei ITER.

Robert Bussard hat das mal sehr schön gesagt (frei übersetzt): Wir wissen, dass die Natur Fusion betreibt - aber kein einziger Stern ist Toroidal (wie ein Tokamak).

Valary hat am 20.04.2010 03:04:58 geschrieben...

Nach dem heutigen Stand der Technik, muss man Fusionsreaktoren sehr groß bauen, damit man genügend Netto-Energie erzeugen kann. Deshalb ist ITER auch so teuer.

Aber es gibt da noch den Wendelstein 7-X!^^

Bynaus hat am 27.11.2009 07:43:10 geschrieben...

So wie ich das verstanden habe: Die Ionen sind sehr schnell unterwegs - sie haben eine Geschwindigkeit, die einer Temperatur von Millionen Grad entspricht. Insofern liegen sie als Plasma vor, und wenn es ihnen doch gelingen sollte, ein einzelnes Elektron mitzunehmen, wird es ihnen von einem anderen Elektron gleich wieder entrissen.

DeHerg hat am 27.11.2009 01:06:15 geschrieben...

mal ganz blöd gefragt: da fliegt also ein positiv geladenes Ion durch eine massive Elektronenwolke, was hindert es eigentlich daran sich aus dieser Wolke ein Elektron mitzunehmen und dann einfach als neutrales Atom auf der gegenüber liegenden Wand einzuschlagen?

Bynaus hat am 24.10.2009 13:51:56 geschrieben...

10 Mio sind für die Entwicklung des WB-8 und des darauf folgenden WB-8.1 geplant - das sind relativ kleine, relativ simple Maschinen, die gegenüber dem heutigen Modell nur graduell verändert wurden. Die Entwicklung eines kommerziellen Reaktors würde, so EMC2, ca 100-200 Mio Kosten bedeuten. Immer noch ein Schnäppchen gegenüber ITER.

Der Beobachter hat am 23.10.2009 11:34:05 geschrieben...

Fast zu schon um wahr zu sein, aber sag niemals nie.
Das Budget scheint mir aber mit 10 Mio doch etwas zu tief gestapelt.
Wenn das Zeug wirklich funkt, dann tut es das hoffentlich bevor Milliarden im ITER verschwinden. Wenn es nicht funkt ist doch gut dass wir den ITER bauen.

Abwarten, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Mephal hat am 11.10.2009 23:59:16 geschrieben...

Das hört sich ja schon fast zu gut an, um wahr zu sein. Und auch wenn das Ganze in den USA entwickelt wird, es würde bei mir doch eine gewisse Schadenfreude auslösen, wenn dieser Reaktor schneller zu Ergebnissen führe, als ITER.

Vielen Dank, für die Informationen!