Intelligent Design ist Kreationismus in neuem Gewand - der Versuch, dem Kreationismus einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Dabei lässt sich das angebliche "Intelligent Design" relativ einfach widerlegen.

Auf den ersten Blick klingt die Überlegung ja gar nicht so abwegig: Die Wissenschaft lebt schliesslich davon, Hypothesen aufzuwerfen und diese dann mit Experimenten zu überprüfen. Warum also soll die Hypothese, das Leben auf der Erde sei von einem intelligenten Schöpfer geschaffen, nicht erlaubt sein? Nachdem die
Kreationisten aus den US-amerikanischen Schulen verbannt wurden, weil das Lehren von religiösen Inhalten gegen die Verfassung der USA verstösst, die Religion und Staat strikte trennt, musste eine Alternative her. Also strichen die Kreationisten das Wort "Gott" aus ihren Schriften und ersetzten es durch einen nicht näher bezeichneten "intelligenten Schöpfer". Ausserdem wurden alle Bibelverweise gestrichen - ohne die religiösen Verweise, hoffte man, würde man das "Intelligent Design" (ID) als "wissenschaftliche Alternative" auch im Unterricht lehren können - den Namen des intelligenten Designers würde man dann am Sonntag schon nachreichen.
Die Taktik ging nicht auf - der oberste Gerichtshof durchschaute das Spiel schnell. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ausnahmslos alle ID-Vertreter christliche Fundamentalisten sind, oder damit, dass in einigen angebotenen "Lehrmitteln" ganz einfach durchgängig "Gott" durch "Intelligenter Designer" ersetzt wurde, diese aber ansonsten unverändert neu aufgelegt wurden. Dass ID nicht in den US-amerikanischen Schulen gelehrt werden darf, hat schlicht und einfach damit zu tun, dass ID nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Ich werde im folgenden erklären, warum. Wir werden den Anspruch der ID-ler ernst nehmen und keinerlei Verweise auf christliche Denkmodelle machen.
Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, diese Entwicklung könnte bei uns nicht stattfinden. Auch in Europa gibt es Kreationisten, die gerne im
Biologieunterricht die christliche Schöpfung gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie gelehrt haben möchten - in der Schweiz ist sogar eine entsprechende Volksinitiative in Vorbereitung.
Falsifizierbarkeit
Eine wissenschaftliche Hypothese muss nicht vielen Ansprüchen genügen - ein Anspruch ist jedoch von zentraler Bedeutung. Die Hypothese muss falsifizierbar sein. Das heisst, es muss möglich sein, sie durch ein Experiment zu widerlegen, zu zeigen, dass sie falsch ist. Ansonsten macht es keinen Sinn, die Frage überhaupt wissenschaftlich zu behandeln! Ideen oder Hypothesen, die nicht falsifizierbar sind, mögen vielleicht philosophisch interessant sein - für die Wissenschaft sind sie schlicht nicht relevant.
Einige Beispiele für nicht-falsifizierbare Hypothesen wären:
- Wir leben alle in einer perfekten "Matrix", einer künstlichen Realität.
- Der Topf mit Wasser braucht immer deutlich länger, bis er kocht, wenn ich zuschaue, aber nur, wenn dies niemand überprüft
- Es gibt unsichtbare Einhörner, die nie irgendwelche Spuren hinterlassen
- Es gibt eine geistige, feinstoffliche Welt, die unseren Messgeräten absolut nicht zugänglich ist
- Einige UFOs sind hochentwickelte ausserirdische Raumfahrzeuge
- Die Menschen wurden von hochentwickelten Aliens per Gentechnik intelligent gemacht
- Das Universum wurde von einer Gruppe Aliens, die ausserhalb von Raum und Zeit existieren, geschaffen
- Das Universum wurde in 6 Tagen von einem allmächtigen fliegenden Spaghettimonster geschaffen, das es so aussehen lässt, als ob die Welt eigentlich 13 Milliarden Jahre alt wäre
All diese Hypothesen haben etwas gemeinsam: man kann streng genommen nicht ausschliessen, dass es tatsächlich so ist, dass die Aussage korrekt ist. Aber man kann auch nicht zeigen, dass sie falsch sind. Die Überprüfung der Hypothese ist weder durch Experiment oder Beobachtung möglich. Damit ist sie ganz klar unwissenschaftlich (das heisst nicht: "zwingend falsch" - bloss nicht durch wissenschaftliches Arbeiten beantwortbar). Und natürlich gehört das klassische ID (durch leichte Variation der letzten zwei Beispiele zu erreichen) auch in diese Liste. ID ist deshalb unwissenschaftlich.
Es hat einen guten Grund, dass man unwissenschaftliche Fragen nicht in der Schule behandelt. Wenn man ID zulässt, gibt es keinen Grund, nicht auch das fliegende Spaghettimonster, die UFOs und Einhörner in der Schule zu behandeln.
Die Evolutionstheorie hingegen, um gleich den häufigsten Einwand aufzunehmen, ist falsifizierbar: Ein Nashornskelett in Gesteinen der Kreidezeit, ein Wellensittichskelett im Perm, ein Känguru im Präkambrium (am besten noch mit einer passenden Altersdatierung) würde zeigen, dass unsere Vorstellung von Evolution falsch ist. Die Fossilien, die wir bisher gefunden haben, sagen es aber ganz deutlich: Es gab früher Tiere, die es heute nicht mehr gibt. Und es gibt heute Tiere, die es früher nicht gab (wobei ich jetzt nicht kleinere Veränderungen wie Körpergrösse und Länge von Stosszähnen etc meine, sondern ganz grundsätzlich: es gibt z.B. in der Saurierzeit keine känguru- oder affenähnlichen Tiere, nichts, was den Walen gleicht, kein Tier, das auch nur im entfernten so aussieht wie ein Elefant, etc).
Falsifizierbarkeit lässt sich auf eine einfache Frage reduzieren:
Was würde einen davon überzeugen, dass die Hypothese falsch ist? Ich kann ganz klar sagen, was mich davon überzeugen würde, dass die Evolution falsch ist. Ein ID-Anhänger kann das nicht, weil es nichts gibt, was ID widerlegen könnte. Und genau deshalb hat ID nichts mit Wissenschaft zu tun.
Irreduzierbare Komplexität
Wenn man als ID-Anhänger schon die Frage, was einen denn davon überzeugen würde, dass ID falsch ist, nicht beantworten kann, haben sie zumindest Argumente entwickelt, woran man denn erkennen könnte, dass ID zutreffend ist. Eines davon ist die von ihnen so genannte "Irreduzierbare Komplexität". Gewisse biologische Systeme, sagen sie, sind so komplex, dass man kein Element daraus herausnehmen kann, ohne das Funktionieren des Ganzen zu zerstören. Ergo, sagen sie, können sich diese Systeme nur entweder rein zufällig und spontan in vollständiger Funktionsfähigkeit gebildet haben oder aber sie müssen geschaffen sein (wobei die erste Möglichkeit aufgrund von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen verworfen wird). Illustriert wird das oft mit einer Mausefalle (von der man keine Komponente entfernen kann, ohne die Mausefalle selbst unbrauchbar zu machen), die sich unmöglich "zufällig" entwickelt haben kann, sondern geschaffen wurde.
Tatsächlich spiegelt der Ausdruck "Irreduzierbare Komplexität" lediglich unser Unwissen um die wahren Umstände, die zu dem biologischen System geführt haben. Da uns die Zwischenschritte fehlen, können wir gar nicht beurteilen, ob die vermeintliche "Irreduzierbare Komplexität" durch eine Schöpfung entstanden ist, oder ob wir einfach zu dumm sind, um uns vorzustellen, wie sich das ganze System ohne Schöpfer hätte entwickeln können. Es könnte ja sein, dass früher einmal ein sehr viel einfacheres, weniger effizientes System existierte, das immer komplexer und dabei auch effizienter wurde. Teile, die einst als Optionen oder vielleicht sogar Ballast hinzukamen, wurden mit der Zeit unverzichtbar (in der Biologie wird das als "Exaption" bezeichnet). "Irreduzierbare Komplexität" sagt also nichts über das System selbst aus, sondern nur etwas über unser bisheriges Vorstellungsvermögen. Da wir nicht widerlegen können, dass wir vielleicht einfach zu dumm sind, um die "Reduzierbarkeit" des Systems auf einen weniger komplexen, weniger effizienten Vorfahren zu zeigen, sind wir wieder bei der Falsifizierbarkeit.
Im Übrigen ist genau dies in den letzten Jahren mehrmals geschehen: ein biologisches System (wie das sogenannte Flagellum von Bakterien), von dem ID-Anhänger behauptet hatten, es sei "irreduzierbar komplex", wurde in primitiveren, einfacheren, weniger effizienten Formen in anderen Bakterien beobachtet.
Irreducible Complexity proven to evolve
Mehr Details zum Thema "Irreduzierbare Komplexität" gibt es hier:
Talkorigins: Übersichtsseite Irreduzierbare Komplexität
Unintelligent Design
Neben der Unwissenschaftlichkeit und unhaltbaren Argumenten dafür hat das "Intelligent Design" noch einen weiteren Schönheitsfehler: Viele Lebewesen sind nicht besonders intelligent Designt... Oder anders gesagt, für ein so schlampiges Design sollte man einen allfälligen Schöpfer wohl verklagen.
Da ist zum Beispiel der "
Vagus-Nerv". Noch nie davon gehört? Einige mögen sich daran erinnern, dass George W. Bush im ersten Jahr seiner ersten Amtszeit beinahe an einer Bretzel "erstickt" wäre - da war der Vagusnerv im Spiel. Dieser zieht sich vom Hirnstamm zum Herzen und weiter zu anderen inneren Organen, und gehört zum parasympathischen Nervensystem, das für die "Steuerung" der inneren Organe verantwortlich ist. Auf dem Weg vom Kopf zum Herzen verläuft er stellenweise entlang der Speiseröhre, was - in seltenen Fällen - eine katastrophale Nebenwirkung haben kann: Verschluckt man sich, so dass genau dieser Nerv stimmuliert wird, führt die Stimulation dazu, dass die Herzfrequenz hinuntergefahren wird. Hält die Stimulation an, fällt die Herzfrequenz immer weiter bis zum Herzstillstand. Menschen können daran sterben - und tun es auch. Ich kenne selbst jemanden, der daran gestorben ist.
Wäre der menschliche Körper tatsächlich designt, müsste man fragen: welcher Idiot baut einen derart offensichtlichen "Fehler" in den Körper ein? Es gibt keinen speziellen Grund, warum der Vagus-Nerv nicht gegen Stimulation isoliert oder von direktem Kontakt mit der Speiseröhre getrennt werden könnte. Die Positionierung dieses Nervs ist etwa so sinnvoll, wie wenn es im Innenraum eines Auto einen nicht näher bezeichneten Punkt gäbe, dessen beiläufiges und unabsichtliches Berühren das sofortige Ausschalten des Motors zur Folge hätte, selbst mitten auf der Autobahn. Ich glaube nicht, dass ein entsprechender "Designer" eine Stelle in der Autoindustrie finden würde.
Aus evolutionärer Sicht gesehen spielt dieser "Designfehler" keine grosse Rolle - so lange nur sehr wenige Menschen daran sterben, gibt es keinen ausgeprägten Selektionseffekt in Richtung eines besser isolierten Vagus-Nerves.
Ein zweites Beispiel für "unintelligentes Design" am Menschen ist die
Geburt. Man stelle sich vor, das Entfernen eines Akkus aus einer Digitalkamera ginge folgendermassen von statten: Einige Stunden vor der eigentlichen Entfernung des Akkus würden im inneren der Kamera Chemikalien freigesetzt, welche die Akkuaussenhülle weich und geschmeidig machen sollen sowie die Öffnung des Akkuschubfaches weiten, damit sich der Akku dann besser rausquetschen lässt. Dann wird der Akku langsam aus der Kamera ausgepresst, wobei er stark verformt wird und die Möglichkeit besteht, dass er kaputt geht oder in seiner künftigen Benutzung stark eingeschränkt ist. Auch die Öffnung des Akkuschubfaches lässt sich danach nicht mehr richtig verschliessen, einige Kamerafunktionen in der Nähe der Öffnung können auch in Mitleidenschaft gezogen werden, so funktioniert vielleicht anschliessend das Fach für den Speicherchip nicht mehr richtig, und das USB-Kabel lässt sich nur noch gelegentlich anschliessen. Darüber hinaus ist die Belastung für die Kamera so gross, dass sie bei jedem Akkuwechsel kaputt gehen kann. Mal im Ernst: Wer würde eine solche Kamera kaufen? Ich denke, man würde von einem grauenhaften Design sprechen... doch genauso verhält es sich mit der menschlichen Geburt.
Biologische Systeme sind komplex und ineffizient, weil sie für überlebensnotwendige Anpassungen immer nur das zur Verfügung hatten, was bereits existierte und dabei nur geringe Modifikationen vorgenommen werden "durften". Es gab nie die Möglichkeiten für ein Design auf dem "reinen Tisch".
Wer sich also ein bisschen länger als nur oberflächlich mit dem "Intelligenten Design" beschäftigt, muss schliessen, dass es kein solches Design gibt, oder aber, dass der allfällige Designer nicht besonders intelligent sein kann. Wenn dies die Privatmeinung von ausgebildeten und mündigen Erwachsenen ist: von mir aus. Menschen glauben die unglaublichsten Sachen.
Aber auf keinen Fall würde ich wollen, dass meine Kinder dies in der Schule lernen müssen.
Da könnten wir ja gleich beim Spaghettimonster weitermachen.