Okt 02 2006

Gaia trägt in Zukunft grau

Wenn philosphierend vom Menschen und seinen Auswirkungen auf die Biosphäre der Erde die Rede ist, dann ist oft von einem “ausser Kontrolle geratenen Experiment” die Regel. Wird die Biosphäre durch die Technosphäre abgelöst?

Coruscant

Coruscant

Ausser Kontrolle laufende Experimente sind ein Merkmal der Evolution. Doch was bedeutet das für die Zukunft der Erde?

Die meisten Prozesse in der Natur folgen exponentiellen Gesetzen. Gibt man ihnen die Möglichkeit, so vermehren sich Lebewesen, egal ob Bakterien, exotische Zierpflanzen, Insekten, Ratten oder Menschen mit exponentieller Geschwindigkeit: Das heisst, je mehr es davon gibt, desto schneller vermehren sie sich. Zumindest so lange, wie ihre Umgebung das zulässt: da Nachteile (z.B. Fressfeinde oder Konkurrenten) in der Regel ebenfalls mit exponentieller Rate zunehmen, laufen alle Prozesse in der belebten Natur in einer Art instabilen Gleichgewicht vor, stets bereit, in die eine oder andere Richtung auszubrechen.

So begann es auch mit der Menschheit: die Intelligenz der frühen Menschen erlaubte es ihnen, aus dem Gleichgewicht mit ihren Fressfeinden auszubrechen, ihre für lange Wanderungen geeigneten Beine erlaubten eine vergleichsweise schnelle Ausbreitung über den ganzen Planeten. Ihre Anpassungsfähigkeit führte dazu, dass sie sich bald überall heimisch fühlten, egal ob im Eis des hohen Nordens, zwischen den Bäumen der Regenwälder oder im Sand der Wüsten. Jedes Mal, wenn es der Menschheit mit Hilfe ihrer Intelligenz gelang, aus einem weiteren, von der Natur auferlegten Gleichgewicht auszubrechen, folgte ein bedeutender Anstieg der Bevölkerungszahl. Feuer, Landwirtschaft, Seefahrt, Kohle, Elektrizität und schliesslich Erdöl ermöglichten es der Menschheit immer und immer wieder, aus den Begrenzungen, die ihr die Natur auferlegt hatte, auszubrechen.

Da alle Prozesse in der Natur exponentiell ablaufen, auch Zerfallsprozesse, begann die Natur, sich zurückzuziehen – das war natürlich kein bewusster Vorgang (wie James Lovelock in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner “Gaia-Hypothese” teilweise andeuten wollte), sondern die schlichte Konsequenz ausgehebelter Gleichgewichte. Wird ein bestimmter Lebensraum um die Hälfte verkleinert, so verliert er drei Viertel seiner Artenvielfalt – nach diesem Muster hat in den letzten Jahren ein beschleunigtes Artensterben eingesetzt, wie es seit vielen Millionen nicht mehr aufgetreten ist.

Der alte Regenwald

Der alte Regenwald

Unwillkürlich wird dabei das Bild des Zauberlehrlings aus dem Disney-Film “Fantasia” bemüht, dessen Experimente mit der Zauberei aus dem Ruder laufen, während er ständig versucht, seine bisherigen Fehler zu korrigieren. Doch betrachten wir die Geschichte der Erde, dann sehen wir, dass die Zauberlehrlinge eher die Regel als die Ausnahme stellen. In vielen Fällen verbreiteten sich (heute längst ausgestorbene) Tiergruppen in rasender Geschwindigkeit um die Erde und machten den bereits vorhandenen das Leben schwer. Von vielen Tiergruppen ist bekannt, dass sie sehr plötzlich in den Fossilien auftauchen – und oft auch wieder genauso schnell verschwinden. Meistens jedoch führt die Verbreitung neuer Tiergruppen zum Aussterben der bisherigen Fauna. So etwa vor 560 Millionen Jahren, als innert kürzester Zeit praktisch alle heute bekannten Zweige des Stammbaums des Lebens entstanden: die Ediacaria-Fauna, die noch kurz zuvor erfolgreich die Erde besiedelt hatte, verschwand innert kürzester Zeit (für einen Geologen bedeutet das: innert weniger 10000 Jahre). Später, viel später, verbreiteten sich die Dinosaurier rasend schnell über die Welt und verdrängten damit alle bereits vorhandenen Reptiliengruppen. Das gleiche Spiel wiederholte sich, als die Dinosaurier am Ende der Kreidezeit ausstarben: innert kürzester Zeit war die Welt von den Säugetieren eingenommen. Vor fünf Millionen Jahren, als nach Jahrmillionen der Isolation der südamerikanische Kontinent bei Panama an Nordamerika “angeschlossen” wurde, strömten Tiere aus Nordamerika ein und verdrängten die eigenartige südamerikanische Fauna fast vollständig (zu ihr gehörten riesige Gürteltiere, Säbelzahntiger und riesige Laufvögel). Auch bei den Pflanzen gibt es ähnliche “Zauberlehrlinge”: am Ende der Kreidezeit verbreiteten sich die Blütenpflanzen – damals begann auch die Symbiose zwischen Blütenpflanzen und Insekten. Gras, das im Erdmittelalter praktisch unbekannt war, verbreitete sich im Miozän ebenfalls mit grosser Geschwindigkeit.

Natur ist nicht statisch: sie wandelt sich ständig, erneuert sich, bricht aus, bricht ein. Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind brutal: auch wenn der Mensch bereits tausende, oder vielleicht sogar eine Million Spezies ausgerottet hätte, im Vergleich zur Erdgeschichte ist das ein Nichts – Milliarden und Abermilliarden von Spezies wurden schon von so trivialen Dingen wie Vulkanausbrüchen oder dem Einwandern einer neuen Gruppe von Räubern in ein Gebiet ausgerottet. Das ist natürlich kein Plädoyer gegen den Umweltschutz: Um die Biosphäre der Erde zu erhalten, insbesondere auch, weil sie noch kaum erforscht ist und weil wir daraus noch so viel lernen können, ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass Menschen und die restliche Natur friedlich koexistieren können.

Worum es mir in diesem Artikel geht, ist folgende Frage: Könnte man die Entwicklung der Menschheit, ihren Aufstieg zur globalen Zivilisation, die das Klima beeinflusst, nicht als einen weiteren Schritt in der langen, gewundenen Geschichte des Lebens sehen? Um es noch konkreter zu sagen: Ist das biologische Leben, wie wir es heute kennen, durch die Entwicklung von Intelligenz an einem kritischen Punkt angelangt, an dem die Entwicklung einer Biosphäre der ganz anderen Art folgt? Zurzeit koexistieren Zivilisation und Natur, Technik und Biologie noch – doch wie geht es weiter? Was, wenn die Menschheit nicht an ihren gegenwärtigen Problemen scheitern wird, sondern Erfolg hat? Was, wenn die Energieprobleme dank der Nutzbarmachung der Kernfusion gelöst werden, und zwar nicht nur für das nächste Jahrzehnt, sondern für alle Zeiten? Durch eine solche Entwicklung braucht die bisherige Biosphäre aktive, “lebensunterstützende Massnahmen”, wenn sie nicht von einer immer weiter ausufernden Zivilisation absorbiert werden soll.

Der neue Regenwald

Der neue Regenwald

Stellen wir uns dafür mal die Menschheit in ein paar Jahrhunderten vor, wenn das gegenwärtige Tempo der Entwicklungen anhält oder sich gar noch beschleunigt. Maschinen werden zu diesem Zeitpunkt von ihrer Grösse und ihren Fähigkeiten kaum mehr von biologischen Systemen zu unterscheiden sein: die Funktionsweise biologischer Organismen wird soweit verstanden sein, dass die Grenzen zwischen Technik, künstlich geschaffenen Lebewesen und “echten” Lebewesen zunhemend verschwimmt. An die Stelle der Biosphäre ist eine Technosphäre getreten, die einen ähnlich pyramidenartigen Aufbau zeigt: Zuunterst finden sich Nanobots, winzig kleine Maschinen, die nach dem Vorbild von Bakterien entworfen wurden. Darüber finden sich die vielen kleinen Helfermaschinen des zukünftigen menschlichen Alltags, die grössten von ihnen sind sogar von Auge sichtbar. Noch weiter darüber kommen neben den vielen künstlichen Intelligzen, den “Uploads” und den Robotern, die nach dem Vorbild des beinahe ausgestorbenen “natürlichen, ursprünglichen Menschen” entworfen wurden, vor allem die Menschen der Zukunft, die in umfassender Weise vom Wissen der Biologie und Genetik profitieren und damit quasi unsterblich sind. Das Klima, das Wetter wird gesteuert und gemacht, Sauerstoff zum Atmen wird nicht mehr von Pflanzen, sondern von Maschinen hergestellt: die Photosynthese, abgeschaut aus den Pflanzen, ist so weit verbreitet, dass es für die Kernfusion auf der Erde praktisch keine Verwendung mehr gibt. Die Erde hätte sich stark verändert: aus dem All würde sie eher dem Planeten Coruscant aus Star Wars als der altbekannten, blau-weiss-braunen Erde gleichen.

Einem Besucher aus dem Weltraum, oder einem Beobachter aus der fernen Zukunft würde es so vorkommen, als hätte die Erde in dieser Phase ihrer Geschichte eine tiefgehende Umwandlung durchgemacht, bei dem ein altes (natürlich gewachsenes) Ökosystem durch ein neues (künstlich geschaffenes) Ökosystem ersetzt wurde, wie schon so oft in ihrer Geschichte. Und wie schon so oft in ihrer Geschichte bedeutet eine Ende gleichzeitig einen neuen Anfang. Gaia hat ihre grünen Kleider abgelegt und trägt jetzt Grau.

17 Kommentare

  • By Jonas, 3. Oktober 2006 @ 20:09

    Nichts für ungut, aber der Zauberlehrling ist von Goethe, nicht von Disney ;-) Und das Bild ist dramatisch: Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Je mehr Macht die menschliche Intelligenz über die Natur hat, desto wahrscheinlicher kommt der Tag, an dem der Mensch sagen wird: Hat der alte Hexenmeister sich mal endlich fortbegeben … Ich hoffe diesen Tag nicht miterleben zu müssen, falls ich ihn nicht schon erlebt habe.

  • By Bynaus, 4. Oktober 2006 @ 18:35

    Ok, das wusste ich gar nicht – ich kannte den Zauberlehrling vor allem aus dem genannten Disney-Film. Hab ich jetzt gerade meine Ignoranz demonstriert? ;) Was hältst du von der Grundthese?

  • By Jonas, 5. Oktober 2006 @ 12:57

    Es wäre wert diese These eingehender zu diskutieren, jedoch glaube ich, dass der Kommentarstrang hier nicht so gut dafür geeignet ist.

    Künstliche Ökosysteme gibt es ja bereits heute: Unsere Städte. Unser Planet hat somit bereits erste graue Flecken. Dennoch bleibt der Mensch wohl auf absehbare Zeit ein biologisches Wesen und keine durch \”upload\” intelligent gewordene Maschine. Und damit dürfte auch der Erhalt der natürlichen Biosphäre auch in Zukunft conditio sine qua non für den Fortbestand des Menschen bleiben.

  • By Bynaus, 5. Oktober 2006 @ 13:56

    Hast du einen alternativen Vorschlag, wo wir dies diskutieren könnten? (vielleicht sollte ich mich wirklich mal um ein Forum für meine Seiten kümmern…) Vielleicht das astronews.com-Forum?

    Ich denke, die Frage nach den Uploads und nach dem Zukunft der Biosphäre bzw. ihrer allfälligen Absorbtion in eine \”Technosphäre\” kann unabhängig betrachtet werden: eine künstliche Biosphäre, die den Planeten umspannt, könnte ja im Prinzip auch das gleiche leisten wie die natürliche Bisophäre heute, also z.B. für Sauerstoff und Bodenregeneration sorgen.

  • By Jonas, 5. Oktober 2006 @ 14:54

    Astronews wäre denke ich ein geeigneter Ort.

    Nur kurz als Randbemerkung, was mir im Artikel bereits aufgefallen ist und in Deinem Kommentar heute nochmal angeführt wurde: Wenn der Mensch sich in eine Maschine uploadet hat, wozu bräuchte er dann eigentlich noch Dinge wie Sauerstoff- oder Bodenregeneration?

  • By Bynaus, 5. Oktober 2006 @ 19:42

    Naja, es muss ja nicht sein, dass gleich alle sich uploaden. Von religiösen Extremisten, oder Esoterik-Freaks zum Beispiel kann ich mir das nicht vorstellen… ;) Natürlich hängen Details der allfälligen künftigen Technosphäre von den Bedürfnissen der dannzumal lebenden Bevölkerung, einschliesslich ihrer Gruppierungen und Untergruppierungen, ab.

  • By Na ja 12/65pg, 8. September 2007 @ 08:16

    Na ja las die vergangen heit ruhen und die zukunft laufen wie sie ist ein flus auf zeit und raum wert folgen haben wie mann das deken kan schut euch in denn gedaken wie die zuckunft wert die manschheit haben das sagen und schreiben ihr eigenes leben

  • By zero-un, 28. Januar 2008 @ 20:45

    Ein wundervoller Vortrag.
    Die Bilder sind am besten…

  • By heraklit, 23. Juni 2010 @ 21:30

    In fünfzig Jahren werden wir Fusionsreaktoren bauen, in 500000
    Jahren werden unsere Nachkommen sie als Endosymbionten in ihren Zellen tragen. Die Biologie wird weitergehen.
    Die Evolution wird Antworten finden auf neue Herausforderungen.
    Vielleicht werden wir und unsere Maschinen das erste Glied in der Nahrungskette, aber auf unseren Pappkartons werden Pilze wachsen, in unseren Kühlkreisläufen Bakterien und wir werden weiterhin Millionen von Viren beherbergen.

  • By Bynaus, 24. Juni 2010 @ 10:46

    In 500\’000 Jahren erst? Da würde ich mal grosszügig drei Nullen streichen… :) Aber lustig, dass du das erwähnst – ein entsprechender Artikel ist in Vorbereitung.

    Sicher ist in dieser Welt der Grauen Gaia Platz für Bakterien, Pilze und Viren. Das sind ja letztlich nichts anderes als \”Nanobots\” – die Entwicklung der Technologie wird die Grenze zur Biologie immer mehr verwischen.

  • By heraklit, 24. Juni 2010 @ 22:58

    Genau das meinte ich. Die Städte,Flugzeuge und Maschinen gehören zum Menschen wie die Schale zu Muschel und der Hügel zu den Termiten. Wir verarmen sicher die Artenvielfalt, aber das jede revolutionäre Neuerung in der Evolution getan, allen voran die Blaualgen. Auf lange Sicht schreiben wir ein kurzes, aber spannendes Kapitel in der langen Geschichte des Lebens, wir haben für kurze Zeit die Spielregeln geändert( Wie sonst hätte zum Beispiel die Baumwollpflanze soweit ausbreiten können oder die Hauskatze, ohne uns.

  • By laura, 2. November 2010 @ 00:52

    also ich möchte ganz rlich nicht ,dass di welt mal so wird.
    ich find di sieht sceiße und kalt nd lieblos aus.
    gefällt mir überhaupt nicht egal wi wiet di technik ist.

  • By heraklit, 15. November 2010 @ 12:52

    Ich denke die Probleme einer technischen Lebenserhaltung liegen eher auf der Entsorgungs- als auf der Beschaffungsseite man kann zwar mit genug Energie jederzeit Sauerstoff, Wasser und Nahrung erzeugen, aber jede Form von Abfall würde dieses System langsam ersticken, und seienes nur menschliche Haare und Hautschupppen. Die Bewohner der grauen Erde würden wohl nach dem Wegwerf-Prinzip arbeiten

  • By Bynaus, 17. November 2010 @ 16:32

    Warum? Hautschuppen und Haare stellen doch eine prima Nahrungsgrundlage für Nanobots dar. Ausserdem: Es sagt ja niemand, dass die Bakterien (oder andere Pflanzen und Tiere) komplett von der Welt verschwinden. Es ist bloss so, dass die Menschen in diesem Szenario die wilde, natürliche Welt in eine Art klimatisierten, gezähmten Garten verwandeln.

  • By heraklit, 18. November 2010 @ 15:25

    Sieh dir einfach heutige menschen\”kontrollierte\” Gebiete an:
    Intensive Landwirtschaft macht die Böden schnell unbrauchbar, sie ist anfällig für Schädlingsbefall und führt ihre eigenen Katastrophen herbei.
    Bisher machen wir es so: Sobald ein Landstrich versalzt, von einer Dürre betroffen oder von Unkraut überwuchert ist,
    geben wir ihn auf und gehen weiter zu einem andern, und wenn
    das Grundwasser zu Neige geht, zapfen wir die Flüsse an.
    Doch in einer grauen Gaia gibt es keine Ausweichmöglichkeit mehr, wenn Störfälle auftreten- z.B. wenn eine Wassereserve
    zu hoch mit toxischen Mikronährstoffen wie Selen belastet ist.

  • By Bynaus, 19. November 2010 @ 12:01

    Landwirtschaftsgebiete sind keine \”kontrollierten\” Gebiete – es sind Gebiete, in denen der Mensch das bestehende Ökosystem intensiv nutzt. Ein wirklich kontrolliertes Gebiet ist ein industrielles Treibhaus, z.B. für Tomaten. Dort werden Bewässerung, Nährstoffe, Licht etc exakt kontrolliert und reguliert, um ein Maximum an Ertrag zu gewinnen. Eine durchregulierte Welt, in der nichts mehr \”der Natur\” oder \”dem Zufall\” überlassen ist. Ich sagte ja nicht, dass das unbedingt eine wünschenswerte Zukunft für die Erde ist. Aber es ist der Endpunkt einer Entwicklung, die schon lange begonnen hat, und die sich auch fortsetzen wird, wenn wir Möglichkeiten finden, unseren Energiebedarf stetig zu steigern.

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