Wir sind Zeugen eines in der Geschichte einmaligen Vorgangs: der Entstehung einer wissensbasierten Gesellschaft. Dieser Prozess geht - wie immer - nicht ohne Rückschläge und Gegenbewegungen von statten. Doch um ihn aufrecht zu verhalten, ist es von zentraler Bedeutung, Wissenschaft verständlich zu machen.

Die frühesten Menschen verstanden die Welt um sich herum nicht wirklich. Sie wussten wohl, wie sie zu "lesen" war, kannten Bäume, aus deren Holz sich die besten Speere schnitzen, oder Kräuter, mit denen sich Entzündungen bekämpfen liessen. Sie wussten, dass der Winter kam, wenn sich die entsprechenden Zeichen in der Natur zeigten. Diese Art von Wissen war notwendig, um zu überleben, aber es war nicht übertragbar oder auf neue Situationen anwendbar (oder wenn, dann nur in Ausnahmefällen). Auch wenn sie wussten, dass man sich bei einem Gewitter besser nicht draussen aufhält, verstanden sie doch nicht, weshalb es überhaupt zu Gewittern kommt, und welche Ursache die einzelnen Phänomene darin (Donner, Blitz...) haben. Dies war aber natürlich auch gar nicht nötig.
Zusammen mit der beeindruckenden Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Muster zu erkennen (wie z.B. Gesichter anhand von minimalen Unterschieden zu unterscheiden oder daraus Gefühle abzulesen) kommt auch die Fähigkeit, Muster zu erkennen, wo es eigentlich gar keine zu erkennen gibt. War das schreckliche Gewitter nicht direkt auf die Tötung eines Hirsches mit dem auffälligen schwarzen Fleck gefolgt? Und war nicht vor vielen Jahren das selbe passiert? Was wir heute "Aberglauben" nennen, war in dieser Zeit eine nützliche Eigenschaft: wenn man schon gar keine Ahnung hat, was wie womit zusammen hängt, ist es besser, auf Nummer sicher zu gehen und alle möglichen Zusammenhänge gleichberechtigt zu behandeln. Dass dann auf eine Menge vermuteter Zusammenhänge nur eine kleine Minderheit tatsächlich hilfreicher Verhaltensregeln abgeleitet werden kann, spielt keine Rolle: die Natur fragt nicht danach, ob die Vorstellungen, die Menschen über sie haben, korrekt sind, sondern nur, wieviele überlebensfähige Nachkommen diese Menschen zeugen können. Aberglaube, der gleichzeitig nicht zur Verminderung der Fortpflanzungsfähigkeit eines Menschen führt, wird von der Evolution bevorzugt.
Doch das Gehirn entwickelte noch eine weitere, wichtige Fähgikeit: planmässiges Vorgehen und logisches Denken. Der zielgerichtete Bau von Werkzeugen und Waffen aller Art erforderte dies genauso wie die Jagd oder die Suche nach essbaren Pflanzen. Es reichte nicht, die Welt intuitiv zu begreifen, manchmal war es einfach erforderlich, zumindest einige ihrer Prinzipien zu verstehen und in neuen Situationen anwenden zu können. Diese Fähigkeit hat wohl auch massgeblich zum Erfolg von Homo Sapiens beigetragen. Auch wenn man nicht ausschliessen kann, dass frühe Erfindungen durch "Versuch und Irrtum" zustande kamen, irgendwann war es erfolgreicher, planmässig vorzugehen, weil man damit den "Versuch und Irrtum"-Menschen weit voraus war.
Bis heute sind diese zwei Eigenschaften geblieben: wenn wir keine Ahnung haben, gehen wir intuitiv vor, sehen Zusammenhänge, wo es vielleicht keine gibt. Sobald wir aber Informationen zur Verfügung haben, beginnen wir, diese vernünftig und sinnvoll zu ordnen und Gesetze abzuleiten, nach denen wir dann weiter vorgehen. In der Fähigkeit, solche einmal erkannten Gesetze für spätere Generationen weiterzugeben oder gar schriftlich festzuhalten, liegt der Schlüssel zum Fortschritt. Nur, wenn altes Wissen nicht verloren geht, kann eine Gesellschaft als ganze sich weiter entwickeln. Die Erfolgsgeschichte der westlichen Zivilisation ist deshalb nicht zuletzt (aber unter anderem) eine Geschichte der Anhäufung von Wissen über die Welt: Kartenmaterial, Kriegstechniken und so weiter.
Schliesslich begann etwa im 16. Jahrhhundert das, was wir heute Wissenschaft nennen: das systematische und zielgerichtete Sammeln von Fakten über die Welt, und das Ableiten von Theorien daraus, die Phänomene in der Welt erklären, und war dabei immer erfolgreicher. Doch nun kam es zur Kollision mit einem ganz anderen Denksystem. Dieses war aus der eingangs erwähnten Anlage zu "Aberglaube" und "Intuition" hervorgegangen: der Religion. In einem harten Wettbewerb hatten sich weltweit die sogenannt monotheistischen Religionen durchgesetzt, wohl deshalb, weil sie wie keine andere Religionsform ihre Anhänger zu mobilisieren und radikalisieren wussten. In ihrer Unwissenheit über die Welt und die Prozesse, die darin ablaufen, hatten die Religionsgründer einfach die Mythen und Erzählungen ihrer Vorfahren verwendet, um damit die Welt zu erklären - ja mehr noch, sie hatten ihre Erklärungen zur Entstehung der Welt zum integralten Bestandteil ihres religiösen Weltbildes gemacht: die Welt war - selbstverständlich - vom jeweiligen "Gott" der Religion "geschaffen" worden. Am schönsten lässt sich diese Kollision der Weltbilder (rational-logisch gegen abergläubisch-intuitiv) an der Frage zeigen, ob die Sonne die Erde oder die Erde die Sonne umkreist. Die Religionsvertreter des europäischen Mittelalters leiteten ihre Antwort auf diese Frage natürlich aus der Bibel ab - die frühen "Wissenschaftler" hingegen kamen aufgrund von sehr genauen Beobachtungen (Tycho Brahe) und daraus abgeleiteten Interpretationen (Kopernikus) zum Schluss, dass die Erde, mit allen anderen damals bekannten Planeten, um die Sonne kreisen müsse.
Wie wir wissen, hat das rational-logische Weltbild am Ende - zumindest vorläufig - gesiegt: es war ja auch nicht unbedingt zu erwarten, dass wilde, "intuitive" Erklärungen und Weltbilder genauso häufig korrekt waren wie logisch abgeleitete, nur schon deshalb, weil jede Religion eine andere Version davon hatte. Wir wissen aber natürlich auch, dass das logisch-rationale Weltbild nicht über Nacht entstand und sich ganze "Theorien" durch die Hinzunahme neuer Daten und neuer Interpretationen als falsch heraus stellten. Die Aufklärung wandte das logisch-rationale Weltbild auch auf den Alltag an: die Menschen sollten ihr Leben verantwortungsvoll selbst in die Hand nehmen, statt in Resignation alles dem Willen ihres "Gottes" zu überlassen. Sie sollten ihre Werte in aller Vernunft selbst bestimmen, statt jene von Bronzezeit-Wüstennomaden kritiklos zu übernehmen. Sie sollten kritisch sein, Fragen stellen und verbindliche Rechte einfordern, statt das gegebene Gesellschaftssystem als "gottgewolt" zu akzeptieren. Die freiheitlichen Werte und Rechte, die wir heute geniessen, sind an das rational-logische Weltbild beziehunsweise seine Dominanz über das abergläubisch-intuitive Weltbild gebunden. Die Religion und ihre Dogmen wurden in den Jahrhunderten nach der Aufklärung immer weiter verdrängt, bis sie sich schliesslich auf Gebiete beschränken musste, zu denen die realitätsbasierte Wissenschaft per Definition keinen Zugang hat: den imaginären Raum ausserhalb der wahrnehmbaren Realität (z.B. Leben nach dem Tod etc.).
Doch im 19. und 20. Jahrhundert zeigten sich die Anfänge eines ganz neuen Problems: Die Welt war unglaublich kompliziert und vielschichtig. Wäre sie so einfach beschaffen, dass jeder durchschnittlich intelligente Mensch ihre Phänomene mit geringer Hilfe verstehen und interpretieren könnte, es gäbe wohl längst keine Religion mehr, und das rational-logische Weltbild hätte gesiegt. Doch es zeigte sich, dass selbst Wissenschaftler, die viele Jahre ihres Lebens einem ganz speziellen Problem gewidmet hatten, noch überrascht werden konnten - oder am Problem scheiterten. Das Wissen über die Phänomene der Welt und ihre physikalischen Grundlagen wuchs zwar zusehends, aber gleichzeitig wurde es immer schwieriger, dieses Wissen (und sein "Nutzen") einer breiten Bevölkerung zu vermitteln. Plötzlich konnte ein einzelner Mensch gar nicht mehr das ganze Wissen über die Welt selber nachvollziehen, sondern war darauf angewiesen, auf das Wissen anderer vertrauen zu können. Auch wenn die "Expertenwelt" mit dieser Situation zu leben lernte und Mechanismen entwickelt hat, um dieses Vertrauen zu stärken und allenfalls zu kontrollieren (wie das sogenannte "Peer-Review-Verfahren"), für die breite Bevölkerung entfernte sich das rational-logische Weltbild (oder Teile daraus) immer mehr von der Realität: es war - und ist - praktisch kein qualitativer Unterschied mehr zu erkennen zwischen einem religiösen und einem wissenschaftlichen Weltbild: beide operieren mit abstrakten, letztlich nicht unmittelbar überprüfbaren Aussagen und können so für den Laien völlig gleichberechtigt wirken (woraus dann auch die Forderung entspringt,
beide Weltbilder an der Schule gleichberechtigt zu lehren). Auch wenn die Wissenschaft (und ganz besondere das Adjektiv "wissenschaftlich") wegen der auf ihr allein basierenden, beeindruckenden Technik einen grossen "Sympathiebonus" bekommt (auf der Basis der Bibel liesse sich niemals eine Mondrakete bauen...), so hat die Religion ihrerseits für manche Menschen den Vorteil eines einfachen, klaren Weltbildes (das deswegen aber natürlich nicht unbedingt richtig sein muss).
So entwickelte sich eine neue Art von Religion: in "fundamentalistischen" Kreisen (die es bezeichnenderweise in allen monotheistischen Religionen gibt) wird die Bibel wieder, wie im Mittelalter, wörtlich ausgelegt, und niemand stört sich daran, dass das Weltbild, das sich daraus ableitet, in krassem Wiederspruch zu den Erkenntnissen des rational-logischen Weltbildes steht. Natürlich darf jetzt die Erde um die Sonne kreisen, und die Erde darf eine Kugel sein (weil dies Elemente des rational-logischen Weltbildes sind, die sich für alle Menschen nachvollziehbar und einfach belegen lassen - die Anhänger würden sich schlicht lächerlich machen, wenn sie an der Scheibenerde der Bibel festhalten würden), die betreffenden Stellen in der Bibel werden totgeschwiegen oder zur "Gleichnissen" rationalisiert. Aber sobald ein gewisses Mass an Wissen nötig ist, um ein Element des rational-logischen Weltbildes nachvollziehen zu können (etwa das hohe Alter der Erde im Gegensatz zu den
vielleicht 6000 Jahren der Bibel, oder die im Detail reichlich komplizierte Evolution im vergleich zu einer einfachen "Schöpfung"), wird das rational-logische Weltbild abgelehnt. Interessanterweise gibt es mittlerweile auch fundamentalistische Kreise, in denen viele Elemente des rational-logischen Weltbildes akzeptiert werden ("Thank God for Evolution!").
Eine weitere Folge der "Abnabelung" des immer komplexer werdenden rational-logischen Weltbildes von der breiten Bevölkerung sind die sogenannten "Crackpots", die auf dieser Webseite
auch schon Thema waren und auch manchmal in den Kommentarsträngen der Artikel zu finden sind. "Crackpots" sind Menschen, die an sich keinem besonders religiös geprägten Weltbild anhängen, sondern die eingangs erwähnte "Intutition" auf einzelne Elemente aus dem rational-logischen Weltbild anweden. Was ihnen dabei seltsam oder falsch vorkommt, wird verworfen, und zwar nicht auf Basis von Wissen oder Fakten, sondern auf Basis ihres eigenen, falschen oder auch nur mangelhaften Verständnisses dieser Elemente. Nun kann man einem Laien mangelndes Wissen nun wirklich nicht vorwerfen - wer will denn schon von sich behaupten, in irgend einem Bereich des rational-logischen Weltbildes kein Laie zu sein? Doch der Unterschied zwischen dem normalen Laien und dem "Crackpot" liegt darin, dass der Laie sein unvollständiges Wissen akzeptiert und in gewissen Massen einfach darauf vertraut, dass "die Experten schon wissen, was sie tun oder warum sie das sagen" - er hat Vertrauen in das Wissenschaftsinterne Kontrollsystem, weil es, offenbar (siehe Technik) gute Ergebnisse liefert. Der "Crackpot" hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass er eher seiner eigenen Intuition vertraut als dem Kontrollsystem, und in einem Überschwang an Selbstsicherheit seinem selbstentworfenen Weltbild mehr Glaubwürdigkeit zuspricht. Auch dies ist nur deshalb möglich, weil viele Elemente des rational-logischen Weltbildes so weit von der Alltagsrealität entfernt sind, dass es unmöglich ist, sie intuitiv nachzuvollziehen. Oder wer beobachtet schon die Auswirkungen der allgemeinen Relativitätstheorie in der Küche? Wer erklärt seinen Enkelkindern bei einem gemütlichen Kaminfeuergespräch die Quantentheorie? Doch der Crackpot ist letztlich auch ein "Kind der Aufklärung", die ja von jedem Menschen fordert, kritisch zu sein statt Obrigkeitshörig (dafür hätte er ja eigentlich auch einen Orden verdient für seinen Mut und die Bereitschaft, zu wiedersprechen, wo andere nur nicken - verfehlt ist lediglich sein blindes, unbegrenztes Vertrauen in sein selbstentworfenes Weltbild) - und demonstriert damit einmal mehr, wie "ähnlich" Wissenschaft und Religion aus Sicht des Laien geworden sind. Genauso verhält es sich mit Verschwörungstheorien: im Faktenfreien Raum lässt es sich genauso vortrefflich über die
Mondlandungsverschwörung streiten wie über die Frage, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben...
Daraus lässt sich nun ein wichtiger Schluss ableiten: um das aufgeklärte, rational-logische Weltbild und die Gesellschaft, die dahinter steht (mit freiheitlichen Werten, Menschenrechten etc.), zu erhalten, ist es von zentraler Bedeutung, ihre naturwissenschaftlichen Elemente in einer verständlichen Form einer breiten Bevölkerung zu vermitteln. Nur wer selbst versteht oder zumindest eine grundlegende Ahnung hat, wie Evolution funktioniert, wo und wann man sie beobachtet, welche Beobachtungen dazu geführt haben, dass sie entwickelt wurde, wer zudem weiss, welche gewaltigen Zeiträume in den Sedimentgesteinen der Erde dokumentiert sind, oder wie und warum man auf das hohe Erdalter schliessen kann, kann dem Reiz einer allzu einfachen "Schöpfung" wiederstehen. Wer ein solides Grundlagenwissen über Astronomie hat oder weiss, wo und wie er sich dieses bei Bedarf holen kann, wird auch dem vergiftetsten Mondlandungsverschwörer paroli bieten können.
Thomas Jefferson sagte einst, dass der Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit sei ("the price of freedom is eternal vigilance"), und genauso ist es mit dem rational-logischen Weltbild: in einer komplexen Welt ist der Preis der Wahrheit der ewige Kampf um Verständlichkeit.