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Die Kzinti-Lektion


Jede intelligente Spezies, die in der Lage ist, die Tiefen zwischen den Sternen in vernünftiger Zeit zu überwinden, ist zwingend auch in der Lage, sich selbst zu vernichten.


Copyright Adam BurchDer Begriff der "Kzinti-Lektion" wird in Larry Nivens Ringwelt-Universum (das häufiger das "Known-Space-Universum" genannt wird) geprägt. Die kriegerischen Kzinti greifen die pazifistische Menschheit an, die - offenbar - keine Waffen besitzen. Die Invasion, so denken sich die Kzinti, sollte eine problemlose Sache sein. Doch sie haben nicht mit dem Einfallsreichtum der Menschen gerechnet: Superheisse Abgasstrahlen von Fusionsantrieben werden plötzlich zu tödlichen Waffen. Gigantische Laser, die eigentlich zur Beschleunigung von Lichtsegelschiffen gebaut wurden, zerkleinern die Kzinti-Invasionsflotte im Handumdrehen. Die Invasion scheitert, und die Kzinti haben ihre Lektion gelernt: Die Effizienz eines interstellaren Antriebsystems ist proportional zu seiner Effizienz als Waffe.

Der berühmteste SciFi-Roman aus dem "Known-Space"-Universum ist mit Sicherheit die "Ringwelt". Wirklich empfehlenswert ist eigentlich nur der erste Band - doch dieser ist ein Science Fiction Klassiker!.

Das sind keineswegs einfach die Fantasien eines Science-Fiction-Autors. Die Abstände zwischen den Sternen sind so gross, dass sie in vernünftiger Zeit (innerhalb eines Menschenlebens, was relativistische Geschwindigkeiten erfordert) nicht mit chemischen Antrieben überwunden werden können. Auch wenn sich theoretisch berechnen lässt, wie gross eine solche interstellare chemische Rakete sein müsste, wieviele tausend oder gar Millionen Raketenflüge es bräuchte, um sie in der Erdumlaufbahn zu bauen und aufzutanken, die Zahlen liegen jenseits aller Praktikabilität.

Jede andere Methode erfordert zumindest eine nukleare Energiequelle. Das einfachste Interstellare Raumschiff (früher einmal "Orion" genannt) wirft Atombomben hinter sich ab, bringt sie zur Zündung und übernimmt einen Teil der Explosionsenergie mit einer Stossdämpferplatte. Diese Form des Antriebs ist ineffizient (der grösste Teil der freigesetzten Energie geht ungenutzt verloren), aber weil die Atombomben so viel Energie freisetzen, spielt das keine grosse Rolle - in Sachen Treibstoffmasse ist das immer noch sehr viel effizienter (und sogar technisch einfacher) als das Mitführen von chemischem Treibstoff. Fortschrittlichere Antriebe des nuklear-gepulsten Typs benötigen kleinere Bomben, nutzen Lasergezündete "saubere" Wasserstoffbomben statt Uran-Bomben, ersetzen die Stossdämpferplatte durch eine Magnetische Umkapselung - die Effizienz steigt, aber das Prinzip bleibt das selbe. Um diesen Antrieb zu bauen, ist es zwingend nötig, dass man das Prinzip des Atombombenbaus verstanden hat und eine Lösung gefunden hat, solche Bomben zu bauen.

Plasma- und Ionenantriebe (wie VASIMR) haben eine sehr hohe Treibstoffeffizienz, sind aber sehr energieintensiv. Im Inneren Sonnensystem lässt sich ihr Strombedarf problemlos durch Solarzellenbänke decken - je weiter man sich von der Sonne entfernt, desto weniger praktikabel ist dies. Irgendwann im äusseren Sonnensystem müssten die Solarzellenbänke so gross sein, dass sie die gesamte Nutzlast des Raumschiffs einnehmen. Für interstellare Distanzen ist deshalb zwingend eine andere Energiequelle nötig - auch hier kommt eigentlich nur eine nukleare Energiequelle in Frage. Wer aber eine kontrollierte Nuklearreaktion (Kernspaltung oder Kernfusion) instand halten kann, hat mit einer unkontrollierten (wie in einer Atom- oder Wasserstoffbombe) kein grosses Problem.

Sonnen- und Magnetsegel sind Antriebsmethoden, die ohne Reaktionsmasse auskommen - sie stellen dem Sonnenlicht (beim Sonnensegel) oder dem Sonnenwind (beim Magnetsegel) einfach einen Widerstand entgegen und nutzen dieses Medium, um zu beschleunigen. Hier wurde auch schon vorgeschlagen, das Raumschiff einen tiefen "Sonnentaucher" nehmen zu lassen, das heisst, es auf eine Bahn zu bringen, das extrem nahe an der Sonne vorbei führt - und das Segel erst dann zu entfalten. Damit liesse sich das Schiff auf niedrig-relativistische Geschwindigkeiten von bis zu vielleicht 5% der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Natürlich liesse sich dessen Geschwindigkeit mit grossen Lasern (beim Sonnensegel) oder Plasmastrahlen (beim Magnetsegel, wobei dies wegen der schnelleren Auffächerung nicht so effizient ist wie ein Laserstrahl) nochmals deutlich steigern. Solche Einrichtungen lassen sich aber natürlich genauso gegen Planetenoberflächen einsetzen. Ein Laser, der Prozente des Weltenergieverbrauchs umsetzt, kann durchaus als Massenvernichtungswaffe gelten.

Selbst exotische Antriebsformen, die wir uns heute höchstens denken können, lassen sich problemlos in Massenvernichtungswaffen verwenden. Wer genügend Antimaterie für interstellare Raumschiffe bauen kann, kann auch Antimateriebomben bauen. Schwarze Löcher könnten die ultimative Energiequelle für interstellare Raumschiffe sein - aber, wenn man sie in einem Sturm von Gammastrahlen verdampfen lässt, wohl auch die ultimative Waffe. Wurmlöcher speichern gewaltige Energiemengen - der Kollaps eines Wurmlöchs wäre in der Lage, ganze Planeten zu vaporisieren - das gleiche gilt für Warpantriebe (welche die Raumzeit manipulieren) und andere hypothetische "reaktionslose" Antriebe - wer ein Raumschiff auf Überlichtgeschwindigkeit beschleunigen kann, kann auch einen Asteroiden mit einer Geschwindigkeit nahe der Lichtgeschwindigkeit auf einen Planeten einschlagen lassen...

Woran liegt diese scheinbar unüberwindbare Verwandschaft zwischen interstellarer Raumfahrt und Massenvernichtungswaffen? Bei einem interstellaren Raumschiff geht es darum, möglichst hohe Geschwindigkeiten zu erreichen - und damit eine sehr hohe kinetische Energie, gemessen an allen irdischen Vorgängen (10% der Lichgeschwindigkeit sind immerhin 30'000 km/s - damit wäre man in weniger als anderthalb Sekunden um die Erde geflogen, oder in gut 12 Sekunden zum Mond!). Diese Energie - für sich allein genommen schon gefährlich - muss in dem möglichst kompakten Raumschiff irgendwie gespeichert und freigesetzt werden, und das geht eben besonders gut mit Materialen von hoher Energiedichte - die höchste uns bekannte Energiedichte ist jene von Materie (gemäss E=mc^2), womit Methoden, die diese Energie anzapfen (nukleare Technologie) sehr attraktiv erscheinen. Und von da ist der Schritt zur Atombombe trivial einfach.

Wenn wir diese Beobachtung nun mit der Erkenntnis zusammennehmen, dass die Besiedlung von fernen Planeten sehr viel schwieriger ist als gemeinhin angenommen, dann haben wir eine (weitere) plausible Lösung für das Fermi-Paradoxon: Wenn eine Zivilisation die Fähigkeit hat, ihren Heimatplaneten oder zumindest dessen Biosphäre zu zerstören, dann wird sie das möglicherweise irgendwann auch tun. Ohne Heimatplanet hingegen wird sie - angesichts der Schwierigkeit, andere Planeten zu besiedeln - keine grosse Zukunft haben und sehr schnell aussterben.


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Alex hat am 13.08.2010 15:22:33 geschrieben...

DeHerg, dieser Antrieb hat ein Problem: schau Dich mal im Weltall um; ja richtig, das ist ziemlich leer da. Und zwar so leer, daß man mit dem Einsammeln der paar H-Teilchen auf dem Weg praktisch nichts anfangen kann.

Gruß Alex

DeHerg hat am 26.11.2009 04:15:31 geschrieben...

Was auch übel wäre:eine Bussard-Bombe:quasie nichts anderes als ein Bussardantrieb(der im Gegensatz zum Raumschiff vor dem Ziel nicht abbremst) mit einer Zielvorrichtung. Er sammelt auf seiner Reise wie bekannt den interstellaren Wasserstoff, fusioniert ihn und setzt ihn in kinetische Energie(Geschwindigkeit) um. Am Ende seiner Reise dürfte dann die Einschlagsenergie (je nach Effizienz von Sammler und Antrieb)der kumulativen Fusionsenergie des über über die Jahre umgesetzten Wasserstoffes sein. Da braucht es dann auch keinen Sprengkopf mehr.

Bynaus hat am 30.10.2009 17:24:23 geschrieben...

War ein Photonentorpedo nicht eine Antimaterie-Waffe? Kehren wir in die Realität zurück. :)

Du hast recht, dass das Sonnensegel noch die am wenigsten gefährliche aller beschriebenen Antriebssysteme bzw "Waffen" ist. Allerdings: Ein Sonnensegel funktioniert nur im freien Raum. Das heisst, um es zu starten, braucht man zwingend eine Rakete, die mindestens Orbitalgeschwindigkeit erreichen kann - und damit hat man natürlich auch gleiche eine Interkontinentalrakete zur Hand...

Der Beobachter hat am 30.10.2009 14:12:12 geschrieben...

Das kann man bestimmt !
Aber zur Nutzung als Waffe spielt auch der Zeitfaktor eine Rolle. Eine Waffen die Monate oder gar Jahre braucht um ihren "Schuß" abzufeuern taugt nichts, es sein denn man kann sie Lange genug verstecken. Das durfte bei einem gigantischen Solarsegel aber nicht machbar sein.
Ein Gegner vergleichbarer Technologiestufe dürfte das Unterfangen schnell erkennen.Er kann Gegenmaßnahmen ergreifen und das Segel einfach zerstören, was erheblich einfacher sein dürfte als es anzubringen.

Ich bin zwar kein Kriegsstratege, aber ich glaube eine Solarsegel-Asterioden-Waffe ist taktisch nicht brauchbar.
Da würd ich mich vor Hochgeschwindigkeitsplasmastrahlen, Hochenergielasern und Antimaterie schon mehr fürchten.

Was ist eigentlich ein Photonentorpedo ? ;-)

Bynaus hat am 29.10.2009 17:50:13 geschrieben...

Nun, so lange man Solarsegel verwenden kann, um Asteroiden vom Kurs abzulenken, würde ich sagen, das Zerstörungspotential ist noch immer gewaltig...

Der Beobachter hat am 29.10.2009 17:03:07 geschrieben...

Ja, von Stern zu Stern mit dem Sternenwind würd schon gehen. Fragt sich ob die erforderlichen Geschindigkeiten erreicht werden können. Ich denke aber das die derart erreichbaren Geschwindikeiten nur zur interplanetaren Raumfahrt taugen, und da hat man wieder das Problem des Bremsens.
Auch bei Stern zu Stern hat man zum Bremsen nur einen Chance. Hat der Stern evtl ein nicht erwartetes Aktivitätsminimum gehts womöglich in die Hose und man treibt durch den Raum.
Aber das ist schonwieder ein andres Thema. :-)
Wobei das Zerstörungspotential einer Solarsegeltechnik als eher gering einzustufen ist.

Bynaus hat am 28.10.2009 14:55:41 geschrieben...

Konflikte gehören zur menschlichen Natur. Und wenn uns die Geschichte irgend etwas lehrt, dann, dass ihre gewaltsame "Lösung" ebenfalls dazu gehört. Aber wer weiss, vielleicht kann sogar das überwunden werden...

Eine praktische Konsequenz, die in der SciFi praktisch nie bedacht wird, ist, dass es wohl kaum je schrullige Raumfrachterkapitäne geben wird, deren Schiff mit der kinetischen Energie einer strategischen Atombombe durch den Weltraum tuckert. In einer systemweit oder gar interstellar raumfahrenden Zivilisation sind Planetenoberflächenbewohner plötzlich extrem verletzlich.

Die Magnetsegel wurden schon oft explizit deshalb für interstellare Missionen vorgeschlagen, weil sie sich auch als "Magnetfallschirm" eignen, um im Magnetfeld / Sternwind des Zielsterns wieder abzubremsen.

Der Beobachter hat am 28.10.2009 14:30:03 geschrieben...

Guter Artikel.
Dass die Macht zu verändern die Macht zu zerstören hinter sich herzieht ist klar.
Mit Waffen zu zerstören erfordert jedoch eine böse Absicht und/oder setzt einen Konflikt voraus. Eine Zivilisation darf also nie global konfliktfrei werden damit die Waffenzerstörung auch eintreten kann. Ob dies der Normalfall in der Entwicklung einer Zivilisation ist wissen wir nicht. Hoffen wir mal dass es nicht so ist. Es ist auf jeden Fall eine Risikofaktor im Aufstreben jeder Zivilisation. Wir haben ja ebenfalls bereits einen Punkt erreicht an den ein heftiger Konflikt unsere technische Entwicklung wieder zunichte machen könnte.

Was Anderes: Bei den Solar- und Magnetsegelschiffen, vor allem bei den mit künstlichen Strahlen getriebenen frag ich mich immer wie diese wohl wieder anhalten wenn das Ziel einmal erreicht ist. Ich glaube diese Konzept ist nicht besonders tragfähig.

D. hat am 21.10.2009 12:57:46 geschrieben...

Guter Artikel, danke.
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