Wenn philosphierend vom Menschen und seinen Auswirkungen auf die Biosphäre der Erde die Rede ist, dann ist oft von einem "ausser Kontrolle geratenen Experiment" die Regel. Wird die Biosphäre durch die Technosphäre abgelöst?

Ausser Kontrolle laufende Experimente sind ein Merkmal der Evolution. Doch was bedeutet das für die Zukunft der Erde?
Die meisten Prozesse in der Natur folgen exponentiellen Gesetzen. Gibt man ihnen die Möglichkeit, so vermehren sich Lebewesen, egal ob Bakterien, exotische Zierpflanzen, Insekten, Ratten oder Menschen mit exponentieller Geschwindigkeit: Das heisst, je mehr es davon gibt, desto schneller vermehren sie sich. Zumindest so lange, wie ihre Umgebung das zulässt: da Nachteile (z.B. Fressfeinde oder Konkurrenten) in der Regel ebenfalls mit exponentieller Rate zunehmen, laufen alle Prozesse in der belebten Natur in einer Art instabilen Gleichgewicht vor, stets bereit, in die eine oder andere Richtung auszubrechen.
So begann es auch mit der Menschheit: die Intelligenz der frühen Menschen erlaubte es ihnen, aus dem Gleichgewicht mit ihren Fressfeinden auszubrechen, ihre für lange Wanderungen geeigneten Beine erlaubten eine vergleichsweise schnelle Ausbreitung über den ganzen Planeten. Ihre Anpassungsfähigkeit führte dazu, dass sie sich bald überall heimisch fühlten, egal ob im Eis des hohen Nordens, zwischen den Bäumen der Regenwälder oder im Sand der Wüsten. Jedes Mal, wenn es der Menschheit mit Hilfe ihrer Intelligenz gelang, aus einem weiteren, von der Natur auferlegten Gleichgewicht auszubrechen, folgte ein bedeutender Anstieg der Bevölkerungszahl. Feuer, Landwirtschaft, Seefahrt, Kohle, Elektrizität und schliesslich Erdöl ermöglichten es der Menschheit immer und immer wieder, aus den Begrenzungen, die ihr die Natur auferlegt hatte, auszubrechen.
Da alle Prozesse in der Natur exponentiell ablaufen, auch Zerfallsprozesse, begann die Natur, sich zurückzuziehen - das war natürlich kein bewusster Vorgang (wie James Lovelock in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit seiner "Gaia-Hypothese" teilweise andeuten wollte), sondern die schlichte Konsequenz ausgehebelter Gleichgewichte. Wird ein bestimmter Lebensraum um die Hälfte verkleinert, so verliert er drei Viertel seiner Artenvielfalt - nach diesem Muster hat in den letzten Jahren ein beschleunigtes Artensterben eingesetzt, wie es seit vielen Millionen nicht mehr aufgetreten ist.

Unwillkürlich wird dabei das Bild des Zauberlehrlings aus dem Disney-Film "Fantasia" bemüht, dessen Experimente mit der Zauberei aus dem Ruder laufen, während er ständig versucht, seine bisherigen Fehler zu korrigieren. Doch betrachten wir die Geschichte der Erde, dann sehen wir, dass die Zauberlehrlinge eher die Regel als die Ausnahme stellen. In vielen Fällen verbreiteten sich (heute längst ausgestorbene) Tiergruppen in rasender Geschwindigkeit um die Erde und machten den bereits vorhandenen das Leben schwer. Von vielen Tiergruppen ist bekannt, dass sie sehr plötzlich in den Fossilien auftauchen - und oft auch wieder genauso schnell verschwinden. Meistens jedoch führt die Verbreitung neuer Tiergruppen zum Aussterben der bisherigen Fauna. So etwa vor 560 Millionen Jahren, als innert kürzester Zeit praktisch alle heute bekannten Zweige des Stammbaums des Lebens entstanden: die Ediacaria-Fauna, die noch kurz zuvor erfolgreich die Erde besiedelt hatte, verschwand innert kürzester Zeit (für einen Geologen bedeutet das: innert weniger 10000 Jahre). Später, viel später, verbreiteten sich die Dinosaurier rasend schnell über die Welt und verdrängten damit alle bereits vorhandenen Reptiliengruppen. Das gleiche Spiel wiederholte sich, als die Dinosaurier am Ende der Kreidezeit ausstarben: innert kürzester Zeit war die Welt von den Säugetieren eingenommen. Vor fünf Millionen Jahren, als nach Jahrmillionen der Isolation der südamerikanische Kontinent bei Panama an Nordamerika "angeschlossen" wurde, strömten Tiere aus Nordamerika ein und verdrängten die eigenartige südamerikanische Fauna fast vollständig (zu ihr gehörten riesige Gürteltiere, Säbelzahntiger und riesige Laufvögel). Auch bei den Pflanzen gibt es ähnliche "Zauberlehrlinge": am Ende der Kreidezeit verbreiteten sich die Blütenpflanzen - damals begann auch die Symbiose zwischen Blütenpflanzen und Insekten. Gras, das im Erdmittelalter praktisch unbekannt war, verbreitete sich im Miozän ebenfalls mit grosser Geschwindigkeit.
Natur ist nicht statisch: sie wandelt sich ständig, erneuert sich, bricht aus, bricht ein. Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind brutal: auch wenn der Mensch bereits tausende, oder vielleicht sogar eine Million Spezies ausgerottet hätte, im Vergleich zur Erdgeschichte ist das ein Nichts - Milliarden und Abermilliarden von Spezies wurden schon von so trivialen Dingen wie Vulkanausbrüchen oder dem Einwandern einer neuen Gruppe von Räubern in ein Gebiet ausgerottet. Das ist natürlich kein Plädoyer gegen den Umweltschutz: Um die Biosphäre der Erde zu erhalten, insbesondere auch, weil sie noch kaum erforscht ist und weil wir daraus noch so viel lernen können, ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass Menschen und die restliche Natur friedlich koexistieren können.
Worum es mir in diesem Artikel geht, ist folgende Frage: Könnte man die Entwicklung der Menschheit, ihren Aufstieg zur globalen Zivilisation, die das
Klima beeinflusst, nicht als einen weiteren Schritt in der langen, gewundenen Geschichte des Lebens sehen? Um es noch konkreter zu sagen: Ist das biologische Leben, wie wir es heute kennen, durch die Entwicklung von Intelligenz an einem kritischen Punkt angelangt, an dem die Entwicklung einer Biosphäre der ganz anderen Art folgt? Zurzeit koexistieren Zivilisation und Natur, Technik und Biologie noch - doch wie geht es weiter? Was, wenn die Menschheit nicht an ihren gegenwärtigen Problemen
scheitern wird, sondern Erfolg hat? Was, wenn die Energieprobleme dank der
Nutzbarmachung der Kernfusion gelöst werden, und zwar nicht nur für das nächste Jahrzehnt, sondern für alle Zeiten? Durch eine solche Entwicklung braucht die bisherige Biosphäre aktive, "lebensunterstützende Massnahmen", wenn sie nicht von einer immer weiter ausufernden Zivilisation absorbiert werden soll.

Stellen wir uns dafür mal die Menschheit in ein paar Jahrhunderten vor, wenn das gegenwärtige Tempo der Entwicklungen anhält oder sich gar noch beschleunigt. Maschinen werden zu diesem Zeitpunkt von ihrer Grösse und ihren Fähigkeiten kaum mehr von biologischen Systemen zu unterscheiden sein: die Funktionsweise biologischer Organismen wird soweit verstanden sein, dass die Grenzen zwischen Technik, künstlich geschaffenen Lebewesen und "echten" Lebewesen zunhemend verschwimmt. An die Stelle der Biosphäre ist eine Technosphäre getreten, die einen ähnlich pyramidenartigen Aufbau zeigt: Zuunterst finden sich Nanobots, winzig kleine Maschinen, die nach dem Vorbild von Bakterien entworfen wurden. Darüber finden sich die vielen kleinen Helfermaschinen des zukünftigen menschlichen Alltags, die grössten von ihnen sind sogar von Auge sichtbar. Noch weiter darüber kommen neben den vielen künstlichen Intelligzen, den "Uploads" und den Robotern, die nach dem Vorbild des beinahe ausgestorbenen "natürlichen, ursprünglichen Menschen" entworfen wurden, vor allem die Menschen der Zukunft, die in umfassender Weise vom Wissen der Biologie und Genetik profitieren und damit quasi unsterblich sind. Das Klima, das Wetter wird gesteuert und gemacht, Sauerstoff zum Atmen wird nicht mehr von Pflanzen, sondern von Maschinen hergestellt: die Photosynthese, abgeschaut aus den Pflanzen, ist so weit verbreitet, dass es für die Kernfusion auf der Erde praktisch keine Verwendung mehr gibt. Die Erde hätte sich stark verändert: aus dem All würde sie eher dem Planeten Coruscant aus Star Wars als der altbekannten, blau-weiss-braunen Erde gleichen.
Einem Besucher aus dem Weltraum, oder einem Beobachter aus der fernen Zukunft würde es so vorkommen, als hätte die Erde in dieser Phase ihrer Geschichte eine tiefgehende Umwandlung durchgemacht, bei dem ein altes (natürlich gewachsenes) Ökosystem durch ein neues (künstlich geschaffenes) Ökosystem ersetzt wurde, wie schon so oft in ihrer Geschichte. Und wie schon so oft in ihrer Geschichte bedeutet eine Ende gleichzeitig einen neuen Anfang. Gaia hat ihre grünen Kleider abgelegt und trägt jetzt Grau.