Am Dienstag, 29. Januar 2008 fliegt ein rund 250 m grosser Asteroid in anderthalbfacher Mondentfernung an der Erde vorbei. Im Internet wird dies zum Anlass genommen, Verschwörungstheorien zu verbreiten und Ängste vor einem Einschlag zu schüren. Nur allzuoft spielen Medien dieses fragwürdige Spiel mit.

Seit 4.5 Milliarden Jahren wird die Erde von grösseren und kleineren Asteroiden "bombardiert", wobei die Ereignisse umso häufiger werden, je kleiner die Asteroiden sind. Am häufigsten ist interplanetarer Staub: rund 40000 Tonnen extraterrestrischer Staub gelangen so jedes Jahr in die Erdatmosphäre, oder rund ein Kilogramm pro 40000 Quadratkilometer (in etwa die Fläche der Schweiz) pro Jahr. Grössere Staubkörner sehen wir als Sternschnuppen in der Atmosphäre verglühen, hunderte von kleineren Meteoriten fallen jedes Jahr zur Erde. Man schätzt, dass alle paar Jahre ein Körper mit 10 m Durchmesser und mehr zur Erde fällt. Etwa einmal pro Jahrtausend fällt ein 100 m grosser Asteroid zur Erde (womit in der historischen Geschichte der Menschheit bereits rund zehn Asteroiden dieser Grösse zur Erde gefallen sind). Zwischen zwei Fällen von mittelgrossen Asteroiden mit 1 km Durchmesser vergehen im Schnitt einige hunderttausend Jahre, und zwischen zwei Asteroideneinschlägen, die mit dem Einschlag eines 10 km grossen Asteroiden am Ende der Kreidezeit (als auch die Dinosaurier ausstarben) vergleichbar sind, vergehen im Schnitt 100 Millionen Jahre. Da die Erde zu 70% von Ozeanen bedeckt ist, fallen Asteroiden bevorzugt ins Meer.
Man schätzt, dass der Einschlag eines Asteroiden mit 1 km Durchmesser globale Auswirkungen hätte, die den Fortbestand der modernen menschlichen Zivilisation gefährden könnten. Dazu gehören Tsunamis bei einem Einschlag in den Ozean, die Sonne verfinsternde Staubwolken im Fall eines Einschlags auf das Land. Einschlagende Asteroiden, die kleiner als 1 km sind (aber grösser als ca. 50-100 m), verursachen zwar grosse regionale Katastrophen, aber gefährden nicht die Menschheit als ganzes. Das heisst, die Chance, dass sich in einem bestimmten Jahr ein global katastrophaler Asteroideneinschlag ereignet, ist sehr klein, etwa 1:500000. Die Chance regionaler Katastrophen durch einen Asteroideneinschlag ist global gesehen etwas höher, zwischen 1:1000 bis 1:10000, je nach dem, wie man "regional" definiert, wobei man beachten muss, dass ein regionaler Einschlag natürlich auch eine kleinere Anzahl Menschen trifft, so dass die Chance eines einzelnen Menschen, eine solche regionale Katastrophe zu erleben, stark sinkt. Wie man es auch dreht und wendet, man kommt am Schluss zu einer Chance von eins zu einigen hunderttausenden, einen Asteroideneinschlag zu erleben.
Mit diesem Wissen im Hintergrund haben die USA in den neunziger Jahren damit begonnen, die erdnahen Asteroiden systematisch zu katalogisieren. Ursprünglich hatte die NASA nach dem Auftrag des amerikanischen Kongresses zwanzig Jahre Zeit, um 90% aller erdnahen Asteroiden grösser als 1 km auszumachen. Da dieses Ziel dank stetig verbesserter Technik aber bereits kurz nach dem Jahr 2000 erreicht wurde,
versucht die NASA nun, 90% aller erdnahen Asteroiden grösser als 140 m zu katalogisieren (einige Asteroiden schlüpfen immer durch die Maschen, doch dies lässt sich aufgrund der bekannten Begrenzungen der Beobachtungsinstrumente abschätzen - deshalb spricht die NASA auch von 90%, nicht von "allen"). Die Suche nach erdnahen Asteroiden ist sehr erfolgreich: heute werden bereits sehr kleine Asteroiden gefunden und verfolgt. Da es sehr viele dieser kleineren Asteroiden gibt, ist die Chance, dass sich einer von ihnen mal der Erde nähert, recht gross. Dies erklärt sehr gut, warum sich in den letzten Jahren die Meldungen, ein "Asteroid nähere sich der Erde", gehäuft haben: die Asteroiden-Jäger werden immer besser.

Oftmals spielt sich immer das selbe Schema ab. Zuerst vermeldet die NASA die Entdeckung eines Asteroiden, der sich der Erde gefährlich nähern oder sie sogar treffen könnte. Die Chancen eines Treffers scheinen hoch (bisheriger Rekord: 1:37, Asteroid Apophis kurz nach der Entdeckung), die weltweiten Medien berichten darüber, und auf YouTube tauchen entsprechende Weltuntergangs-Videos auf. Doch in den darauf folgenden Wochen sinken die Trefferchancen und fallen ein paar Monate bis Jahre später auf praktisch Null (natürlich ohne dass dies die Medien berichten würden).
Dieser Verlauf kommt daher, dass es von einem neu entdeckten erdnahen Asteroiden zuerst nur sehr wenige Beobachtungen gibt. Die Fehler seiner Bahneigenschaften sind gross, so dass man nicht sehr genau sagen kann, wie nahe er ein paar Jahre später wirklich an der Erde vorbeiziehen wird. Seine berechnete Bahn gleicht, grob gesagt, eher einem sich nach vorne immer weiter öffnenden Kegel als einer Linie, und dieser Kegel enthält irgendwann auch die Erde. Mit zunehmenden Messungen wird der Kegel immer spitzer, bis er am Schluss praktisch einer Linie gleicht. Die Chance, dass diese eine Linie nach all diesen Messungen immer noch exakt auf die Erde zeigt, ist sehr klein - und dies ist bisher auch noch nie vorgekommen.
So ist es nun auch mit dem im letzten Herbst entdeckten erdnahen Asteroiden "2007 TU24". Er wird die Erde am 29. Januar in einer sicheren Entfernung von rund 1.4 Mondentfernungen passieren. Mit einem Durchmesser von rund 250 m hätte dieser Asteroid bei einem Einschlag durchaus eine regionale Katastrophe auslösen können, aber es bestand nie eine Chance, dass dieser Asteroid die Erde trifft. Die Mitte des zunächst noch weiten "Bahnkegels" (wie oben beschrieben) deutete zuerst auf einen Vorbeiflug in doppelter Mondentfernung hin, doch als der "Bahnkegel" enger bestimmt wurde, sank die geringste Entfernung zu Erde während des Vorbeiflugs auf 1.4 Mondentfernungen ab - und nun ist der "Bahnkegel" so klein, dass sich diese Zahl nicht mehr ändern wird. Trotzdem nahmen dies einige Medien zum Anlass, zu berichten, ein Asteroid würde "knapp" an der Erde vorbeifliegen. Auch wenn dies in astronomischen Massstäben gerechnet durchaus korrekt ist (schliesslich sind 1.4 Mondentfernungen oder rund 500000 km nichts im Vergleich mit den Distanzen im Universum), so sind Missverständnisse vorprogrammiert, wenn diese Aussage nicht weiter ausgeführt wird.
Verschwörungstheorien, etwa die Vermutung, die NASA würde "das wahre Ausmass der Gefahr" verheimlichen, um eine "weltweite Panik" zu verhindern, sind ohne jede Verankerung in der Realität. Zahlreiche Staaten und Organisationen weltweit verfügen über Teleskope, die in der Lage sind, erdnahe Asteroiden zu verfolgen. Grössere Objekte (also gerade jene, die der Menscheit als Zivilisation gefährlich werden könnten) können sogar von Amateurastronomen verfolgt werden. Die dazu gehörenden Bahnberechnungen sind grundsätzlich sehr einfach. Jeder Versuch, irgend etwas zu "vertuschen", würde sofort umgangen. Viel zu viele Leute wüssten in kürzester Zeit davon, es gibt keine Chance, dass irgendwer tausende von Astronomen weltweit auf irgend eine Weise "kontrollieren" könnte. Zudem hilft im Fall eines Einschlags eine Vertuschung gar nichts, im Gegenteil, sie wäre schädlich: so könnten, wenn man Wochen und Monate im Voraus über einen Einschlag informiert wäre, grosse Gebiete evakuiert werden, etwa Küstenstreifen.
In den allermeisten Fällen (insbesondere bei grösseren Asteroiden) sind aber Annäherungen von erdnahen Asteroiden an die Erde ohnehin um Jahrzehnte im Voraus bekannt. Dies liegt daran, dass erdnahe Asteroiden die Sonne auf einer ähnlichen Bahn umkreisen wie die Erde, und somit eine sehr geringe Relativgeschwindigkeit zur Erde haben. Das heisst, nach einer Begegnung vergeht typischerweise ein Jahrzehnt, bis sich Erde und Asteroid wieder nähern (also die Erde den Asteroiden wieder eingeholt hat oder umgekehrt). In diesem Jahrzehnt gibt es dann genügend Zeit für eingehendere Beobachtungen.
Eines Tages, sollte die Menschheit lange genug überleben, wird man tatsächlich einen kleinen Asteroiden entdecken, der die Erde treffen wird. Bereits heute lassen sich einfache Techniken entwerfen, um solche Objekte von ihrer Bahn abzulenken. So würde es bei einem Asteroiden von der Grösse von Apophis (rund 400 m) ausreichen, auf ihrer Oberfläche zwanzig Jahre vor dem Einschlag eine 40 x 40 m grosse, weisse Folie auszubringen. Da diese das Sonnenlicht stärker reflektiert als die dunkle Asteroidenoberfläche, entsteht durch die reflektierten Photonen der Sonnenstrahlung ein leichter zusätzlicher Druck, der die Position von Apophis über 20 Jahre um zwei Erddurchmesser verschieben kann, mehr als genug für einen sicheren Vorbeiflug.
NASA Seite mit aktuellen Infos zu erdnahen Asteroiden
Die aktuell grössten Impaktrisiken (NASA)
Typische Panikmacher-Seite mit zusätzlichem Unsinn über angebliche "Plasma-Effekte"
Vierbuchstaben-Panik