In unserem Geschichtsverständnis sehen wir die Menschheitsgeschichte als lineare Entwicklung: Aus den Höhlen, zu den Sternen. Tatsächlich spielte sich Zivilisation bisher immer in Zyklen von dunklen und goldenen Zeitaltern ab - Doch wann beginnt das nächste dunkle Zeitalter?

Für den grössten Teil der Menschheitsgeschichte gabe es keine Hochtechnologie: Keine Computer, keine Raumfahrt, keine Flugzeuge, keine Elektrizität. Es gab auch keine Feuerwaffen, keine Verbrennungsmotoren, keine Rohstoffausbeutung, keine Millionenstädte, keine Fabriken. Während dem grössten Teil der Menschheitsgeschichte waren die Menschen Jäger und Sammler, Händler und Bauern.
Natürlich "wissen" wir das - es lässt sich in jedem Geschichtsbuch nachschlagen, wir haben es in der Schule gehört - in der Geschichte wurden die meisten, (für den westlichen Kulturkeis massgebenden) Hochkulturen wie die Ägypter, Griechen, Römer, Araber und Chinesen abgehandelt - man beendet diese rasante und blinde Fahrt durch die Geschichte mit dem Siegeszug der Europäer in der Welt, mit dem Ausbau ihres technologischen Vorsprungs, mit der Landung auf dem Mond.
Der Hegelsche "Weltgeist", der die Hochkulturen rund um den Globus inspiriert, ist auf seiner langen Reise von Ost nach West endlich ganz im Westen (in den USA) angekommen und wird nun für immer dort bleiben... (er weiss wohl nicht, dass die Erde eine Kugel ist...)
Die heutige Hochkultur, so scheint es aus dieser Perspektive, ist bloss eine Übergangszeit: Unsere primitiven Vorfahren kamen aus den Höhlen, schlugen sich gegenseitig die Schädel ein und hatten keinen Sinn für Kultur. Unsere gottgleichen Nachfahren werden zu den Sternen aufbrechen, alle Krankheiten heilen und überhaupt alles Übel aus der Welt schaffen. Wir stehen in diesem Selbstbild irgendwo dazwischen - mit hochkomplexer Technologie ausgestattet, schlägt unsere eigentlich primitive Natur immer wieder durch. Wir sind Halbgötter, nicht wild und primitiv wie in unseren Albträumen, aber auch nicht gütig und weise wie in unseren Träumen.
Zunächst einmal: Ich glaube, dass dieses Menschenbild völlig verfehlt ist (obwohl es natürlich weit verbreitet ist - und nicht nur bei uns: Unzählige Religionen drehen sich um das Spiel zwischen Primitivtät und Göttlichkeit, um Gut und Böse im gleichen Wesen, das Gott und Affe zugelich ist). Die Menschen von heute sind dieselben wie damals, vor 30000 Jahren, als ihre Vorfahren die Welt eroberten. Wir sind nicht besser oder schlechter als unsere Vorfahren - und auch nicht besser oder schlechter als unsere Nachfahren es je sein werden. Auch in Zukunft wird es "Engel" und "Dämonen", Feige und Mutige, Erste und Letzte geben, wird Technologie zum Guten wie zum Schlechten eingestzt werden. Egal, welche Technologie die Menschheit noch entwickeln wird - in dem Moment, in dem sie (vielleicht, eines Tages...) ihr genetisches Erbe aus der Steinzeit ablegt, wird sie aufhören, die Menschheit zu sein, und zu etwas anderem, ganz neuem werden.
Ich glaube auch, dass dieses "lineare" Geschichtsverständnis falsch ist. Die Hochkulturen, die wir kennen, sind alle durch Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende von "dunklen Zeitaltern" voneinander getrennt. Obwohl viele Jahrtausende vergangen sind, seit die ersten Jäger und Sammler zu Bauern und Händlern wurden, hat es bis heute keine Hochkultur geschafft, sich länger als ein paar Jahrhunderte zu halten. Danach zerfallen Paläste und Heiligtümer, das angehäufte Wissen geht verloren, Hungersnöte und Kriege dezimieren die Bevölkerung. Übrig bleiben nur Geschichten und Wunder eines verlorenen Paradieses, einer "goldenen Zeit", die von Helden mit unglaublichen Fähigkeiten, von Halbgöttern gar, bevölkert war. Danach vergeht viel Zeit, und langsam, langsam, kehrt die Technologie zurück, bis ein neues, kurzes, "goldenes Zeitalter" beginnt.
Noch jede Hochkultur hatte bisher den Eindruck, sie stelle den Zenit der menschlichen Entwicklung, die "Krone" der menschlichen Zivilisation dar - genau wie wir heute. Weshalb gehen wir davon aus, dass dieser Zustand andauern wird? Wäre es nicht vielmehr vernünftig anzunehmen, dass Hochzivilisation letztlich vergänglich ist? Dass Gesellschaften wie unsere einen Extremfall in der menschlichen Geschichte darstellen (wie er bisher noch nicht stattgefunden hat)? Könnte es sein, dass die moderne Zivilisation die erste Hochkultur ist, die Jahrtausende überdauern wird?
Ich denke nicht. Jede Hochkultur hat eine Quelle, aus der sie sich speist: Das kann eine mächtige Stadt sein, eine grosse Bevölkerung, eine Religion, ein neu entdecktes, reiches Land - in unserem Fall ist es der billige Zugang zu Energie. Energie war immer schon der limitierende Faktor der menschlichen Zivilisation. Die Energie, die sich natürlicherweise aus dem Ökosystem der Erde für die Menschheit abzweigen lässt, erlaubt nur ein "Bauern- und Händler"-Niveau. Mit der Entdeckung Amerikas fielen den Europäern des Spätmittelalters plötzlich die Resourcen eines ganzen, zustätzlichen Kontinents in die Hände - dies erlaubte ihnen, die Welt zu erobern und sich so noch mehr Resourcen anzueignen - darunter auch die ultimative Energieresource, die unsere Welt bisher angetrieben hat:
Erdöl.
Erdöl enthält eine gewaltige Menge Energie: um sich das zu veranschaulichen, braucht man sich bloss vorzustellen, wie viel man mit einem einzigen Liter Benzin machen kann: Auf 100 km/h beschleunigen und dann etwa 10 km weit fahren. Und nun stelle man sich vor, man müsste dies 'von Hand' erledigen. Erdöl hat der westlichen Zivilisation (die bald die Zivilisation der ganzen Welt wurde) erlaubt, die Erde so zu beherrschen wie keine andere Zivilisation zuvor.
Doch nun fragt sich: Kann die Menschheit das, was sie errichtet hat, bewahren? Gelingt der rechtzeitige Umstieg auf erneuerbare Energiequellen, bevor das Erdöl unbezahlbar teuer wird? Lassen sich diese erneuerbaren Energiequellen danach auch weiterhin zuverlässig warten und reparieren, wenn es keine billige Energie mehr gibt? Gelingt es, die Abwärtsspirale abzuwenden? Denn wenn Energiequellen selber Energie benötigen, um gewartet zu werden, so werden nur noch die Energiequellen derjenigen erhalten, die es sich leisten können, ihre Wartung zu bezahlen - die Energiequellen derjenigen, die nicht bezahlen können, gehen verloren, so dass mit der Zeit immer weniger Energie zur Verfügung steht, also immer teurer wird, womit noch mehr Energiequellen verloren gehen...
Die einzige Lösung aus diesem Dilemma wäre, eine andere, billige Energiequelle zu finden - doch zur Zeit scheint keine in Reichweite. Wenn Energie wirklich der limitierende Faktor für Hochkulturen ist - und vieles spricht dafür - dann dürften die Chancen, dass die gegenwärtige Hochkultur auch nur von begrenzter Dauer sein wird, ziemlich gross sein.
Wann wird ein solcher Kollaps kommen? In 50 Jahren? In 100 Jahren? Und wie lange wird er dauern? Wir wissen es nicht. Doch ich bin sicher: Nach einer dunklen Zeit, nach 100, 500, 1000 Jahren, wird die Hochzivilisation zurückkehren. Wer wird sie dann erneut auf eine globale Ebene bringen? Die Chinesen? Die Südamerikaner? Die Afrikaner?
In diesem scheinbar ewigen Zyklus von Zivilisation und Zerstörung gibt es einen Hoffnungsschimmer: der generelle Trend zeigt doch in Richtung Sterne. Die Hochkultur der Griechen und Römer war weiter entwickelt, mächtiger als zuvor die Ägypter. Die Hochkultur der mittelalterlichen Araber wiederum war weiter als jene der Römer - und unsere ist weiter als diejenige der mittelalterlichen Araber. Vielleicht gelingt der nächsten Zivilisation, was uns versagt bleiben könnte: Die Eroberung und Besiedlung des Sonnensystems. Wird es danach wieder zum Kollaps kommen? Mit einzelnen, autarken Kolonien, die um ihr Überleben kämpfen und auf eine neue Hochkultur von der Erde warten? Möglicherweise wird es dann einer übernächsten globalen Hochkultur gelingen, die nächsten Sterne zu erreichen. Möglicherweise werden wir noch viel länger warten müssen, möglicherweise wird es nie geschehen.
Doch bis dahin vergeht noch viel, viel Zeit.
Das Grundproblem ist, dass wir uns mit einer latenten wohligen Lust am eigenen Untergang mit Problemen beschäftigen, die dem überwiegenden Teil der Menschheit scheissegal sein können. Denn die meisten Erdenbewohner haben bis heute nicht viel von den Segnungen der billigen Energie. Von daher braucht es die »dritte « Welt auch nicht zu (be-)kümmern, ob und dass die »erste « untergeht.
Davon ab: Ich weiss nicht, ob man Zeitalter so global mit Schlagworten wie »das Zeitalter der billigen Energie « etikettieren kann. Gewissermassen leben wir doch auch schon in einem Zeitalter des Wissens, und dieses Wissen schliesst auch die Kenntnis um die Vergänglichkeit »kulturteller « Errungenschaften ein. Folglich liessen sich zumindestens Strategien entwickeln, um die »dunklen Perioden « zu verkürzen oder wenigstens das heutige Know-how in die Zukunft zu retten. Und sei es, dass man das vermeintlich wertvolle Wissen der Welt für die nächsten Jahrhunderte oder Jahrtausende irgendwie in einer um die Erde kreisenden Computerbibliothek parkt.
Zudem: »Dunkel « ist immer relativ. »Golden « auch.
Hier noch mal ein kleiner Input zu dem, was ich eingangs gesagt habe. Das ist nicht neu, aber es immer wieder aufs Neue wertvoll, sich daran zu erinnern – und die Sache mit dem Goldenen Zeitalter noch mal zu durchdenken:
WENN DIE WELT EIN DORF WÄRE…
Wenn man die Weltbevölkerung auf ein 100 Seelen zählendes Dorf reduzieren würde und dabei die Proportionen aller auf der Erde lebenden Völker beibehalten würde, wäre dieses Dorf folgendermassen zusammengesetzt:
57 AsiatInnen
21 EuropäerInnen
14 AmerikanerInnen (Nord-, Zentral- und Südamerika)
8 AfrikanerInnen.
Es gäbe
52 Frauen und 48 Männer
30 Weisse und 70 Nichtweisse
30 ChristInnen und 70 NichtchristInnen
89 Hetero- und 11 Homosexuelle
6 Personen besässen 59 % des gesamten Reichtums und alle 6 kämen aus den USA
80 lebten in maroden Häusern
70 wären AnalphabetInnen
50 würden an Unterernährung leiden
1 wäre dabei zu sterben
1 wäre dabei geboren zu werden
1 besässe einen Computer
1 (ja, nur einer) hätte einen Universitätsabschluss.
Wenn man die Welt auf diese Weise betrachtet, wird das Bedürfnis nach Akzeptanz und Verständnis offensichtlich.
Du solltest auch folgendes bedenken:
? Wenn Du heute morgen aufgestanden bist und eher gesund als krank warst, hast Du ein besseres Los gezogen als die Millionen Menschen, die nächste Woche nicht mehr erleben werden.
? Wenn Du noch nie einen Krieg erlebt hast, in der Einsamkeit der Gefangenschaft, im Todeskampf der Folterung oder im Schraubstock des Hungers warst, geht es dir besser als 500 Millionen Menschen.
? Wenn Du zur Kirche gehen kannst, ohne Angst haben zu müssen bedroht, gefoltert oder getötet zu werden, hast Du mehr Glück als 3 Milliarden Menschen.
? Wenn Du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen hast, bist Du reicher als 75 % der Menschen dieser Erde.
? Wenn Du Geld auf der Bank, in Deinem Portemonnaie oder sonstwie in Reserve hast, gehörst Du zu den privilegiertesten 8 % Menschen dieser Welt.
? Wenn Du diese Nachricht liest, bist Du zweifach gesegnet: zum einen, weil jemand an Dich gedacht hat, und